Rechte Szene in München:Bewegung im braunen Sumpf

Lesezeit: 4 min

Im August 2010 wurde der Rechtsextremist Martin Wiese aus der Haft entlassen. Nun versucht er offenbar, die zerstrittene Neonazi-Szene im Raum München zu einen.

F. Obermaier und M. Maier-Albang

Sie hatten sich einen Ort außerhalb der Stadt gesucht, zwischen Wiesen und Feldern, wo es außer einer Gärtnerei keine Nachbarn gibt, die Anstoß nehmen könnten an einer Freiluft-Party am Samstagabend. Einige Seen und Tümpel haben die Moosinninger am Ortsrand, Feiern finden hier öfter statt. Am vergangenen Samstag jedoch traf sich in der Nähe eines Fischweihers eine dubiose Gruppe: An die 40 Neonazis folgten einer Einladung zum "Wiegenfest oberbayerischer Kameraden". Per Flugblatt war für das Treffen geworben worden, ein Lorbeerkranz, zwei gekreuzte Dolche sind auf dem Flyer abgebildet, der aufruft zur Feier unter dem Motto: "Einer für alle und alle für einen". Mit Musketier-Romantik hat das allerdings wenig zu tun. Eher mit Nazi-Nostalgie. Und für die Logistik sorgte ein alter Bekannter der Sicherheitsbehörden: Martin Wiese.

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Bewegung in der rechten Szene: Seit der Haftentlassung von Martin Wiese finden im Raum München verstärkt Neonazi-Treffen statt.

(Foto: dpa)

Einer für alle und alle für einen? Vielleicht ist ja Wiese dieser eine, auf den sie in der Szene schon lange warten. Einer, der die Neonazi-Grüppchen aus dem Großraum München eint, die Streitereien unter den Kameradschaften beendet, sie wieder schlagkräftig macht - besonders seit der bisherige Wortführer der Münchner Kameradschaftsszene, Philipp Hasselbach, wegen gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis sitzt.

Sieben Jahre lang war auch Martin Wiese in Haft, weil er gemeinsam mit Gesinnungsgenossen 2003 einen Anschlag bei der Grundsteinlegung auf das Jüdische Zentrum München geplant hatte. Die Gruppe hatte bereits Sprengstoff und Waffen besorgt, als die Polizei die Neonazis festnahm. Nach sieben Monaten Prozess wurde Wiese verurteilt. Eine vorzeitige Haftentlassung lehnte das Oberlandesgericht in München 2008 ab. Die Richter sahen bei Wiese keinen "dauerhaften charakterlichen Wandel". Briefe aus der Haft unterzeichnete er gerne mal mit "Heil Hitler".

Seit August 2010 ist Wiese auf freiem Fuß.Noch im Gefängnis hatte der 35-Jährige angekündigt, dass er nach seiner Entlassung wieder zu den alten Freunden stoßen wolle: In einem Nazi-Blatt versprach er, seine "Erfahrungen mit so vielen Kameraden wie möglich zu teilen und neue Wege im nationalpolitischen Kampf zu gehen". Nun, so vermuten Beobachter, wäre er gern der Wortführer, der die Kameradschaften aus dem Raum München hinter sich versammelt. Einen guten Ruf hat er in der Szene jedenfalls: "Er gilt als Märtyrer, weil er damals vor Gericht als Einziger nicht gegen seine Kameraden ausgesagt hat", sagt Robert Andreasch von der Antifaschistischen Informations- und Archivstelle München (Aida).

Bereits wenige Wochen nach Wieses Freilassung gab es Bewegung in der Neonazi-Szene. Die Münchner Kameradschaft "Nationale Solidarität Bayern" (NSB) löste sich auf - zum "Allgemeinwohl aller", wie es in einer Erklärung heißt. Schließlich sei dank "eines wieder zu uns nach Bayern gekehrten Kameraden" zu erwarten, dass sich mehrere Kameradschaften vereinigen - dem wolle die NSB nicht im Weg stehen.

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