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Rebstöcke im Garten:Wein anbauen in München - geht das?

Stolzer Winzer: Toni Wallner hat auf seinem Grundstück in Freising 21 Rebstöcke gepflanzt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Diese Frage hören Hobbywinzer aus der Stadt häufig, denn die Gegend ist nicht unbedingt als klassisches Weinanbaugebiet bekannt. Es ist nicht leicht - aber auch nicht unmöglich.

Von Christina Hertel

Für Heinz Peter ist Wein nicht einfach nur rot oder weiß, Fusel oder edler Tropfen. Wein schmeckt für ihn nach Rosenblättern. Holunder. Paprika. Schwarzer Johannisbeere. Zedernholz. Erdig, spritzig, voll. Heinz Peter hat 25 Rebstöcke in seinem Garten, jeder von einer anderen Sorte. Die Pflanzen wachsen die Garagenwand hoch und am Balkon entlang, sie schlingen sich der Sonne entgegen - an der Terrasse, beim Gartentor, neben der Haustüre von Heinz Peters Doppelhaus-Hälfte in Denning.

Peter ist 62 Jahre alt, hat weißes Haar, ein bisschen zerzaust, und eine Märchenonkel-Stimme, die er jeden Tag braucht, weil er beim Bayerischen Rundfunk als Sprecher arbeitet. Wie kam er in München, wo alle nur an Bier denken, zu diesem Hobby? Als junger Mann, sagt Peter, sei er mit Freunden nach Italien gefahren. Semesterferien, die ersten Sonnenstrahlen, ein Glas Rotwein auf dem Marktplatz von Siena. So ging es los. Und irgendwann wurde aus Genuss eine Leidenschaft. Wieso, weshalb, warum genau - ist schon nicht mehr so leicht zu erklären.

Wein gehört einfach zu Heinz Peters Leben. Er hat eine Korken-, Glas- und Flaschensammlung im Wohnzimmer. Wenn er in den Urlaub fährt, geht es immer in ein Weinbaugebiet. Italien, Spanien, Frankreich. Vor ein paar Tagen erst war Peter auf den Azoren, auf den portugiesischen Inseln im Atlantik wächst der Wein auf Lavagestein. Bei solchen Reisen spricht Heinz Peter mit Winzern, lässt sich über die Weinberge führen. Am Anfang würden ihn die Profis immer ein bisschen belächeln. "Aber, wenn ich erzähle, was ich mache, sind sie richtig interessiert. Wein in München. Geht das?"

Tatsächlich wurde schon in der Römerzeit in der Gegend rund um München Wein angebaut - in Freising zum Beispiel auf dem Domberg. Aber dann machte Bier dem Wein Konkurrenz, das Klima wurde kälter und schließlich Franken, wo Wein besser wuchs als hier, ein Teil von Bayern. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Oberbayern gerade noch einen Hektar Weinanbau-Fläche. In Unterfranken waren es zu der Zeit etwa 10 000 Mal so viele.

So richtig gut klappt es mit dem Wein rund um München bis heute nicht - selbst, wenn der Domberg in Freising inzwischen wieder bepflanzt ist. Es hänge eben stark vom Klima ab, sagt Hobbywinzer Peter. "Der Sommer in München kann noch so schön gewesen sein. Zwei Wochen Regen im Herbst reichen, und die ganze Arbeit war vergeblich." Mit dem Ergebnis aber sei er manchmal schon zufrieden: "Wenn ich meine Kollegen probieren lasse, sind die oft richtig erstaunt." Meistens sei es aber eher so, dass man nicht unbedingt gleich noch ein Gläschen trinken möchte, gesteht Peter. Der Münchner Wein schmecke schon sehr "rustikal".

So ähnlich erzählt es Toni Wallner aus Freising. Er hat an einem Hang im Garten 21 Rebstöcke gepflanzt. Früher stellte er Formen für Druckereien her. Inzwischen verkauft er seit mehr als 20 Jahren Wein. Faszinierend findet er, dass Wein niemand kopieren kann. "Eine Bierfabrik", sagt er, "kann man überall auf der Welt hinstellen." Aber ein Wein aus Italien schmecke immer anders als einer aus Spanien oder Afrika oder Freising. Weil der Boden anders ist und das Klima. Und das könne man nicht nachahmen. Um das alles besser zu verstehen, begann Wallner Anfang der Neunzigerjahre damit, selbst Wein anzubauen. Aus den Trauben keltert er im Schnitt alle drei Jahre Wein. "Wenn ich weiß, dass mich das Ergebnis nicht befriedigt, lasse ich es lieber gleich." Denn eines sollen die Leute auf keinen Fall merken: dass Wallner bloß ein Hobbywinzer ist.

Hobbywinzer Heinz Peter in seinem Garten in der Tucheler-Heide-Straße 4

Heinz Peter baut im Garten seiner Doppelhaushälfte in Denning Wein an.

(Foto: Florian Peljak)

Wie viele Menschen es in München von Peters und Wallners Sorte gibt, ist schwer zu sagen. Einmal habe es einen Empfang für Hobby-Winzer im Rathaus gegeben, erzählt Peter. Zehn, 15 Leute seien gekommen. Aber damals hieß der Oberbürgermeister noch Ude. Und seither hätten sich die Winzer nicht mehr getroffen. Außerdem müssen Weinanbauflächen, die kleiner als 1000 Quadratmeter sind und keinem gewerblichen Zweck dienen, nicht genehmigt werden, sind also nicht erfasst. Für Toni Wallner und Heinz Peter heißt das auch: Sie dürfen ihren Wein nicht verkaufen. Sie müssen ihn selber trinken oder verschenken.

In Peters Keller stehen deshalb eine ganze Menge staubiger Flaschen. Sein Keller ist Werkraum, Abstellkammer und Weindepot in einem. Fahrradschläuche und Flaschen zum Abfüllen. Schrauben, sortiert in kleinen Schachteln, Pipetten und Röhrchen, die nach Chemieunterricht aussehen. In ein paar Wochen wird hier Peters Wein vor sich hingären - bis zum nächsten Frühjahr. Erst dann wird er den Wein abfüllen und das erste Gläschen probieren.

Das schwierigste sei, sagt der Freisinger Hobbywinzer Wallner, zu entscheiden, wann man die Trauben ernten soll. "Ein Pokerspiel." Ist man zu schnell, sind sie noch nicht süß genug. Wartet man zu lange, sind sie möglicherweise schon verfault. Er beginnt in ein paar Wochen, Mitte Oktober. Zwei Tage sei er mit der Ernte beschäftigt, mindestens. Dann möchte er sich an ein neues Experiment wagen: einen "Orange Wein". Er entsteht aus grünen Trauben. Die Schalen bleiben länger im Saft und deshalb wird der Wein am Ende dunkler. In der Weinszene sei es gerade Mode, damit herumzuprobieren, sagt Wallner. Und auch Heinz Peter hat ein neues Projekt: In Franken, wo seine Familie ursprünglich herstammt, hat er ein Grundstück vererbt bekommen. Und dort möchte er nun so viele Sorten wie möglich anbauen.

© SZ vom 29.09.2017

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