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Reaktionen auf das Urteil:"Es gibt noch Hunderte Demjanjuks"

Der 91-jährige John Demjanjuk ist wegen der Beteiligung am Mord an 28.060 Juden zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Wie Prozessteilnehmer und Angehörige der Opfer aus dem KZ Sobibor auf den Schuldspruch reagiert haben.

Caroline Ischinger

Wegen der Beteiligung am Mord an 28.060 Juden im KZ Sobibor hat das Münchner Landgericht den 91-jährigen Ex-Wachmann John Demjanjuk zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach eineinhalb Jahren geht der Prozess zu Ende, an dem auch 30 Nebenkläger teilnahmen, die meisten Angehörige der Opfer von Sobibor. Sie nahmen das Urteil erleichtert auf. sueddeutsche.de dokumentiert die Reaktionen nach dem Prozessende:

Demjanjuk zu fünf Jahren verurteilt

Verurtelt, aber frei: Der 91-jährige John Demjanjuk wird aus dem Gerichtsgebäude gebracht.

(Foto: dpa)

Cornelius Nestler, einer der Anwälte der Nebenkläger, sagt, er sei mit dem Urteil zufrieden: "Es ist gerecht, weil jeder, der an der Ermordung von 28.060 Juden beteiligt war, sich seiner Verantwortung stellen muss." Das Urteil werfe zwar "sehr spät", aber dennoch "einen Blick darauf, was in Sobibor passiert ist". Es werde dazu führen, "nochmal neu darüber nachzudenken, welche Rolle die Wachmänner gespielt haben". Das Urteil des Landgerichts München sei "eindeutig: Es war Beihilfe zum Mord".

Rob Fransman, der beide Eltern in Sobibor verlor, ist am Tag der Urteilsverkündung gefasst. "Ich bin etwas zynisch geworden", sagt er, der an mehr als 80 von 93 Prozesstagen im Münchner Landgericht war. Es sei ihm auch egal, dass Demjanjuk aus der Untersuchungshaft enlassen worden ist, auch das Strafmaß sei ihm nicht wichtig. Doch er sagt: Das Urteil empfinde er als Gerechtigkeit. Denn was Demjanjuk betreffe, sei nun eine Rechnung beglichen. Doch die juristische Aufarbeitung der NS-Kriegsverbrechen sei noch längst nicht beendet: "Einer von vielen ist jetzt verurteilt", sagt Fransman. In den Altersheimen Deutschlands gäbe es "noch Hunderte Demjanjuks".

Bereits in der ersten Pause der Urteilsverkündung legte Demjanjuks Anwalt Ulrich Busch Revision ein. Demnjanjuk habe ihm gesagt, er empfinde das Urteil als "ein Unrecht" und habe ihn beauftragt, es anzufechten. "Ihm geht es schon den ganzen Tag sehr schlecht", erklärte Busch. Nun werde sein Mandat noch eine Nacht in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim bleiben, erklärte er nach dem Beschluss des Landgerichts, dass Demjanjuk aus der Untersuchungshaft entlassen wird, bis das Urteil rechtskräftig ist. Der Sozialdienst der JVA werde ihm am morgigen Freitag eine Unterkunft zuweisen müssen. "Ich habe ihm gesagt: You are free!" Und Demjanjuk habe geantwortet: "Schlafe ich?" Das nächste Ziel, das es nun zu erreichen gelte, sei: "Bring him back home!"

"Ich bin zufrieden", sagt der 71-jährige Jan Goedel. Er verlor seine beiden Eltern und seine Großeltern im Holocaust. "Es ist Gerechtigkeit", fügt er hinzu. Doch plötzlich muss er schluchzen, stemmt die Hände in die Hüfte und sagt noch einen Satz, bevor er zum letzten Mal in den Gerichtssaal geht: "Es ist für mich zu Ende".

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, sagte in einer Pressemitteilung: "Es ist ein wichtiges Signal, dass John Demjanjuk schließlich doch noch für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird." Und weiter: "Die unmissverständliche Botschaft, dass die Täter des Holocausts für ihre Verbrechen belangt werden", geht von München aus in die Welt und ist ein Zeichen für den funktionierenden deutschen Rechtstaat.

© sueddeutsche.de/sonn
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