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Reaktion auf Nerdinger-Interview:"Gedankenlos"

Scharfe Kritik an Akademie-Präsident

Von Sabine Reithmaier

Dass seine Äußerungen auf Kritik stoßen werden, damit hat Winfried Nerdinger gerechnet. "Wer das momentan Geläufige infrage stellt, macht sich selten beliebt", hatte der Präsident der Akademie der Schönen Künste im SZ-Interview gesagt. Trotzdem verblüfft es ihn, dass die heftigste Reaktion auf seine Worte aus dem eigenen Haus kommt. 20 Akademie-Mitglieder haben unter dem Titel "Die Akademie sind wir alle" eine zunächst in der FAZ veröffentlichte Stellungnahme verfasst, die hart mit Nerdingers Äußerungen ins Gericht geht und sich von ihnen distanziert.

Der Architekturhistoriker hatte sich in dem Interview (SZ vom 7. Mai) zur Situation von Kunst und Kultur in Pandemiezeiten geäußert. Zwar sprechen ihm die protestierenden Mitglieder das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht ab. Es sei jedoch nicht selbstverständlich, dass er sein Amt und den Namen der Akademie dazu nutze, persönliche Meinungen zu vertreten, die ausschließlich die seinen seien. "Wir als Mitglieder der Bayerischen Akademie der Schönen Künste müssen öffentlich feststellen, dass Herr Nerdinger nicht für die Akademie spricht. Wir halten seine Äußerungen in mehreren Passagen für verantwortungslos und lehnen es ab, als Akademiemitglieder damit in Verbindung gebracht zu werden."

Nerdinger überrascht diese Sicht. "Dass man mir abspricht, als gewählter Amtsträger eine persönliche Meinung zu äußern, erstaunt mich schon", sagt er am Telefon. Selbstverständlich habe er nicht für die 300 Mitglieder der Akademie gesprochen, "das kann ich doch gar nicht." Aber er habe seit seinem Amtsantritt immer betont, er wolle der Akademie eine politische Stimme geben. "Wir müssen uns zu aktuellen Fragen äußern." Im Interview hatte er auf die Frage, wie seine persönliche Zwischenbilanz für die Kultur in Pandemiezeiten aussehe, geantwortet, er wisse jetzt, welcher Stellenwert ihr in unserer Gesellschaft von vielen politisch Verantwortlichen zugemessen werde. Der einer reinen Zugabe, ein "Genuss", auf den man eben bei Bedarf oder im Notfall auch leicht verzichten könne. "Eine so pathetische wie platte Äußerung, die nach diesem furchtbaren Jahr einer für Zehntausende tödlichen Pandemie nicht mehr zu bieten hat als eine pseudomoralische Erregung über die Corona-Maßnahmen, ist gedankenlos und billig", kommentieren seine Widersacher. Während Nerdinger es erschreckend fand, dass die Künste neben Freizeitinstitutionen genannt werden, erschreckt sie der Dünkel, auf einem privilegierten Rang zu bestehen. "Wir sind durch die Kunst nicht moralisch überlegen."

Auch Nerdingers Ansicht, derzeit verschwänden kritische Stimmen schnell aus der Öffentlichkeit, teilen sie nicht. Man könne dies als "weltfremde Nörgelei" abtun angesichts der kontroversen Diskussionen, Polemiken, Auseinandersetzungen seit über einem Jahr, auf sämtlichen Kanälen, in Parlamenten und politischen Organisationen, schreiben sie. "Nicht aber, wenn ein Akademiepräsident in seiner Funktion spricht." Scharf kontern sie Nerdingers Aussagen zur seiner Ansicht nach gefährdeten Meinungsfreiheit. Er spreche, "als müssten wir alle vor einer Regierung niederknien, die uns mundtot macht. Von welchem Staat redet er?" Mit seinen abenteuerlichen Thesen diskreditiere Nerdinger ausgerechnet jenes elementare Recht, auf das die Künstler gerade jetzt unter den Bedingungen der Einschränkung von Grundrechten den allergrößten Wert legen: das Recht auf Kritik.

Auch das von Nerdinger angekündigte Buchprojekt, für das er die 300 Mitglieder um Stellungnahmen aus ihrer spezifischen Pandemie-Sicht gebeten hat, missfällt ihnen. Das Projekt sei ohne jede Abstimmung innerhalb der Akademie entstanden, schreiben sie. Da es Nerdinger mit einem Lob der "zumindest extrem problematischen Aktion 'Allesdichtmachen' verbinde, illustriere er zugleich, wie er an diese Publikation herangehen wolle".

Unterzeichnet haben die Stellungnahme überwiegend Mitglieder der Literaturabteilung; neben deren Direktor Georg M. Oswald auch die Schriftsteller Friedrich Ani, Werner Fritsch, Hans-Martin Gauger, Lena Gorelik, Sven Hanuschek, Joachim Kalka, Dagmar Leupold, Jonas Lüscher, Wolfgang Matz, Thomas Meinecke, Norbert Niemann, Albert Ostermaier, Karl-Heinz Ott, Hans Pleschinski, Kathrin Röggla, Kerstin Specht, Arnold Stadler. Unterschrieben haben auch der Maler Friedrich G. Scheuer und der Komponist Moritz Eggert.

© SZ vom 12.05.2021
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