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Rathaus:Architekt mit einem überdimensionalen Selbstvertrauen

Der kleine Sitzungssaal ist noch weitgehend im Hauberrisser-Originalzustand erhalten.

(Foto: Robert Haas)

Der Tenor ist klar: Wenn das stimmt, dann ist Münchens feingeistiger Ex-Oberbürgermeister schon während seiner aktiven Zeit unter die Kunstbanausen gegangen. Und gerade die Möbel Hauberrissers, der Münchens Bild in der ganzen Welt und insbesondere in Asien prägt wie sonst kaum einer.

Der Architekt aus Österreich muss mit einem überdimensionalem Selbstvertrauen ausgestattet gewesen sein. Als 25-jähriger Student sah er sich bereits in der Lage, den Münchnern ein neues, neogotisches Rathaus zu bauen - und bekam schließlich den Zuschlag.

"Das ist in etwa so, als ob der FC Bayern einen Studenten mit dem Bau der Allianz-Arena beauftragt hätte", sagt Historikerin Huber. Gut, anfangs ging so viel schief, dass die Offiziellen schon überlegten, alles wieder abzureißen und noch mal von vorne anzufangen.

Immer wieder wurden Möbel ausrangiert oder weggeworfen

Doch schließlich bekam Hauberrisser die Kurve und baute von 1867 bis 1905 in drei Abschnitten das Rathaus. Und nicht nur das: Er schrieb auch die Einrichtung in jedem Büro bis zur letzten Türklinke vor. Wie ein Wilder zeichnete er verschnörkelte Verzierungen und ließ sie schnitzen, bis den Schreinern die Finger brannten.

Nun also steht Christian Ude unter Verdacht. Nicht ohne Grund, findet Historikern Brigitte Huber. Wie die ganze Riege von Oberbürgermeistern, die nach dem Zweiten Weltkrieg regierten.

Immer wieder seien wohl Möbel ausrangiert oder weggeworfen worden. Weil sie kaputt waren, unpraktisch oder die städtischen Mitarbeiter angesichts des dunklen, drückenden Inventars in eine neogotische Depression zu verfallen drohten.

Und nun wird es auch für die CSU eng: Einen hohen Schwund habe es in der Amtszeit von Oberbürgermeister Erich Kiesl (CSU) gegeben, sagt Huber. Im Jahr 1978, gleich nach seiner Wahl, ließ er 58 Räume des Rathauses sanieren. Neue Böden, neue Fenster, neue Möbel.

Der Wangen-Schreibtisch ging an das Stadtmuseum

Und die Hauberrisser-Stücke? Sollen auf den Sperrmüll gekommen sein. So mancher Tisch oder Schrank könnte aber mehr oder weniger direkt in den Kunsthandel gelangt sein. Und bis heute gelangen.

Drei aus dem Rathaus verschwundene Stücke aus der Ära Ude dürfen übrigens als gefunden gelten: Ein Wangen-Schreibtisch, ein Stollenschrank und eine Bank gingen an das Stadtmuseum, das seit den 1960er Jahren immer wieder Möbel aus dem Rathaus erhält. Dass Werke Hauberrissers so dringend gesucht und von Millionen Touristen besucht werden, hätte beim Bau des Rathauses so mancher nicht gedacht.

Immerhin schuf ein gewisser Kandinsky schon abstrakte Werke, als die Münchner noch neogotisch bauten. In der Münchner Wochenzeitung Ratschkathl steht bereits 1891, dass die Münchner wegen der Ideen des "Gothik-Gigerl aus Graz" bald "das abgeschmackteste Rathhaus der Welt besitzen" werden.

© SZ vom 02.02.2016/dit
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