Süddeutsche Zeitung

Rathaus:Juristen übernehmen das Kommando im Sozialreferat

  • Nach den Turbulenzen in der Chefetage des Sozialreferats sind die Posten der Führungsriege nun bald wieder komplett besetzt.
  • Vizechef wird der Jurist Sebastian Groth, zuletzt Hauptabteilungsleiter im Kreisverwaltungsreferat.
  • Im Frühjahr soll dann auch endlich das Jugendamt einen neuen Chef bekommen. Als Favorit gilt der sozialpolitische Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion Christian Müller.

Mit den existenziellen Krisen des Lebens ist das Sozialreferat ständig von außen konfrontiert, denn seine Aufgabe ist es, den Münchnern bei der Bewältigung wirtschaftlicher Notlagen, Wohnungsverlust, Erziehungsproblemen und sozialer Schwierigkeiten zu helfen. In diesem Jahr aber geriet das Sozialreferat selbst in ziemliche Turbulenzen. Nach einer schwierigen Zeit des Übergangs ist die oberste Chefetage des Sozialreferats aber nun wieder komplett erneuert. Sozialreferentin Dorothee Schiwy, die zum 1. Juli nach nur drei Monaten von der Stellvertreterposition an die Referatsspitze wechselte, hat jetzt einen Vizechef an ihrer Seite: Der Jurist Sebastian Groth, 46, und bis letzte Woche noch Hauptabteilungsleiter im Kreisverwaltungsreferat, ist jetzt als Stadtdirektor in das Referat zurückgekehrt, in dem er seine Laufbahn begonnen hat. Zum Frühjahr wird dann endlich auch der seit zwei Jahren wegen Krankheit vakante Chefsessel im Stadtjugendamt neu besetzt, die Führungsriege auf der zweiten Ebene wird damit wieder komplett.

Favorit ist Christian Müller, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion

Als Favorit für den Spitzenposten eines der bundesweit größten Jugendämter gilt Christian Müller, bisher sozialpolitischer Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion. Auf Anfrage der SZ bestätigte Müller, dass er seine Bewerbung abgegeben hat, wollte sich aber nicht weiter dazu äußern. Der 49-jährige Sozialpädagoge war zunächst stark in der katholischen Jugendarbeit engagiert, später auch Vizechef und dann Vorsitzender des Münchner Kreisjugendrings. Bereits seit 1990 gehörte er als Jugendverbandsvertreter dem Kinder- und Jugendhilfeausschuss des Stadtrats an. Seit der Kommunalwahl 2002 sitzt er auch als Stadtrat für die SPD im Rathaus. Außerdem führt er als Fachbereichsleiter bei der Caritas deren Kindertageseinrichtungen.

Die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände werde sich auch mit den Bewerbern beschäftigen, erklärte deren Sprecher Norbert Huber. Der Geschäftsführer der Caritas-Zentren bescheinigte Müller gute Chancen, "ins Rennen zu gehen". Es gebe nicht viele, "die fachlich so tief drinnen sind" und Probleme "sehr deutlich" ansprechen und klar Position beziehen. Die Verwaltung müsse "wieder auf Vordermann gebracht" werden, für alle Träger der Jugendhilfe müssten gleiche Standards gelten.

Ende letzter Woche lief die Bewerbungsfrist für den bundesweit ausgeschriebenen Posten ab. Beim städtischen Personal- und Organisationsreferat sei "keine übergroße Zahl an Bewerbungen" eingegangen, erklärte Referatssprecher Tobias Stephan. Genauere Angaben machte er nicht, es werde jedenfalls eine Auswahl geben. Zunächst würden die Bewerbungen nun formal darauf überprüft, ob die Erfordernisse für die Spitzenposition erfüllt sind. Parallel dazu werde das Sozialreferat seine fachliche Stellungnahme abgeben. Auf dieser Grundlage werde der Ältestenrat des Stadtrats bei seiner Sitzung im Januar, spätestens aber im Februar, die Bewerbungen sichten und die Wünsche anmelden, welche Kandidaten zu einer Vorstellungsrunde eingeladen werden sollen.

Neue Ordnung für das ins Schlingern geratene Referat

Im Frühjahr war Angelika Simeth als Vizechefin des Sozialreferats in den Ruhestand gegangen. Die kommunalpolitische Karriere ihrer Chefin Brigitte Meier endete wenig später mit Ablauf der ersten Amtszeit nach sechs Jahren. Meier trat wegen der im Jugendamt verschleppten Kostenerstattung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nicht mehr zur Wiederwahl als Sozialreferentin an. Wie viel Schaden für die Stadt entstanden ist, steht bis jetzt immer noch nicht fest. Bis Anfang Dezember waren nach Schiwys Angaben erst 148 von 240 Millionen Euro an Erstattungsansprüchen für die Jahre 2012 bis 2015 beglichen.

Dorothee Schiwy hat mit ihrem Amtsantritt begonnen, das ins Schlingern geratene Referat am Ostbahnhof wieder neu zu ordnen. Es ist das Ende einer Ära des Übergangs: Sowohl Meier als auch Simeth waren Sozialpädagogen, mit Schiwy und Groth stehen nun zwei Juristen an der Spitze der mehr als 4000 Mitarbeiter. Auch Meiers Vorgänger Friedrich Graffe, der das Referat 17 Jahre lang führte, ist Jurist.

Sebastian Groth hätte zur Justiz gehen können, aber er entschied sich für die Stadt. "Ich wollte im sozialen Bereich tätig sein", sagt er. Seinen Dienst bei der Stadt trat er im Jahr 2000 an, in der Rechtsabteilung des Sozialamtes. Schon im Herbst 2001 holte ihn sich der damalige Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle als Büroleiter. Im Jahr 2006 übernahm Groth die Abteilung Sicherheit und Ordnung im Kreisverwaltungsreferat, zu der auch die Heimaufsicht gehört. Chef der Hauptabteilung I, zu der neben seiner Abteilung auch das Gewerbe- und Gaststättenwesen gehören, wurde er dann 2012. Der Vater von zwei Kindern gilt als umsichtig wie auch umgänglich, als ein Mann des Ausgleichs, der auch schwierige Konflikte lösen kann.

Vergangene Woche war er noch als Chef der Ordnungsbehörde mit der Situation am Hauptbahnhof beschäftigt, dann zog er in das ehemalige Büro von Brigitte Meier um. Schiwy selbst war schon zuvor ins ehemalige Stellvertreterbüro eingezogen. "Ein nahtloser Übergang", sagt Groth. "Soziale Gerechtigkeit, das Zusammenleben und der soziale Friede waren immer meine Themen" - auch im Kreisverwaltungsreferat, wo es ja um das friedliche Zusammenleben von Menschen gehe. Sein Wechsel sei eine "gute Gelegenheit, den Kreis zu schließen, um ein paar Erfahrungen reicher".

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SZ vom 23.12.2016/sks
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