München Ein junger Tunesier berichtet von Rassismus im Alltag

Seit vier Jahren lebt der 20-jährige Amin in München, er nennt die Stadt seine Heimat. Und stößt immer wieder auf Ablehnung, Hass und Gewalt.

Von Linus Freymark

Auf einmal hat der andere zugeschlagen. Mit der Faust ins Gesicht, eine Woche lang hatte Amin danach ein blaues Auge. Er wollte mit ein paar Kumpels in die Stadt, am Marienplatz kam ihnen dann eine Gruppe Fußballfans entgegen, betrunken, auf Streit aus. Sie fangen an, Amin und seine Freunde zu beschimpfen, "Neger!", "Kanacken!" Dann schlägt der eine zu. Amin will sich verteidigen, Passanten schreiten ein, halten die Gruppen auseinander. Irgendwann kommt die Polizei.

Amin ist 20 und kommt aus Tunesien, seit vier Jahren lebt er in München. Sein Deutsch ist gut, im Sommer schließt er seine Ausbildung als Bürokaufmann ab. Wenn er in den Urlaub fährt, vermisst er München. Die Stadt ist seine Heimat. Die allermeisten Leute hier begegnen ihm wie jedem anderen Menschen auch. Aber trotzdem kann Amin Geschichten davon erzählen, wie er auf der Straße oder in der U-Bahn plötzlich auf seine dunklere Hautfarbe angesprochen und wegen ihr beleidigt wird. Er versucht, ruhig zu bleiben, wenn eine Frau in die Straßenbahn einsteigt, ihn sieht und dann wieder aussteigt. Oder ihn ein älterer Mann in der U-Bahn plötzlich anschreit, er solle sich verpissen. Aber trotzdem sagt er über solche Vorfälle: "Natürlich tut das weh."

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Er schämt sich dafür, obwohl er weiß, dass es die anderen, die Pöbler sind, dass sie im Unrecht sind. Deshalb soll sein echter Name auch nicht in der Zeitung stehen. Amin glaubt, dass Rassismus häufiger vorkommt, als man glaubt, viele Fälle werden gar nicht gemeldet. Meist kommt es nicht zu Gewalt, es sind meist Worte, die bei einem Strafverfahren schwer nachweisbar sind, aber die natürlich trotzdem verletzen. Er selbst hat den Schläger damals angezeigt, bestraft sei dieser nicht worden, erzählt er. Aber man könne trotzdem etwas gegen Rassismus tun, meint Amin, darüber reden, aufklären. Deshalb sitzt er an diesem Abend im abgedunkelten Saal des Kinos Neues Rottmann. Der Verein Condrobs hat anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus zu einer kostenlosen Filmvorführung geladen, im Anschluss gibt es eine Podiumsdiskussion.

In der Komödie "Leroy" geht es um einen schwarzen Jugendlichen aus Berlin, der sich in seine Schulkameradin Eva verliebt - die dummerweise fünf rechtsextreme Brüder hat. Spielerisch greift der Film so ausgeprägten, aber auch alltäglichen Rassismus auf. Evas Mutter etwa, die keinesfalls so radikale Ansichten vertritt wie ihre Söhne, begrüßt Leroy in einer Szene mit "Schalom! Oder wie sagt man das bei euch?", worauf Leroy entgegnet: "Ich komme aus Schöneberg. Da heißt das Hallo!" So entlarvt der Film Vorurteil um Vorurteil, bis Leroy am Ende mit Evas Neonazibrüdern eine Boygroup gründet, um die Subkultur zu kommerzialisieren und sie so auszumerzen.

Für Condrobs-Geschäftsführer Frederik Kronthaler eignet sich der Film ideal, um die Ursachen von Rassismus aufzuzeigen - auch oder gerade, weil es eine Komödie ist: "Der Film beschreibt sehr gut, mit welchen Ressentiments man dem Fremden begegnet und wodurch so Rassismus entsteht", sagt er. Condrobs arbeitet viel mit Geflüchteten, von denen die meisten positive Erfahrungen in Deutschland machen würden. Aber nach wie vor erleben viele von ihnen auch Diskriminierung. "Rassismus ist nach wie vor ein Problem", sagt Kronthaler.

Diese Meinung herrscht auch in der an den Film anschließenden Diskussion vor, an der Vertreter von Polizei, Stadtjugendamt, Condrobs und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen teilnehmen. Meist sei es eben nicht offen zur Schau getragene Ablehnung gegenüber Fremden, sondern der unterschwellige Alltagsrassismus, der von einigen Diskussionsteilnehmern auch in Behörden identifiziert wurde, etwa in Form des "Racial Profiling" bei der Polizei.

Als Letztes tritt ein junger Mann auf die Bühne. Er werde jetzt ein Lied singen, sagt er, "auf ein bisschen Englisch und ein bisschen in meiner Sprache". Der junge Mann ist Amin. Er hat das Lied für seine Mutter geschrieben, die ihn alleine großgezogen hat und noch in Tunesien ist. Der Sprachenmischmasch ist nicht ganz einfach zu verstehen. Aber eines wird klar: Er vermisst sie.

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