Kinder, die sich aus Angst vor rassistischen Beleidigungen nicht mehr auf den Spielplatz trauen. Terroropfer, die jahrelang wie Bittsteller behandelt werden. Und eine Anlaufstelle für Betroffene, die angesichts so vieler Hilfesuchender und knapper Ressourcen immer wieder einen Fallannahmestopp verhängen muss. Die Münchner Beratungstelle „Before“, die Opfern von Diskriminierung, Rassismus und rechter Gewalt zur Seite steht, wird oft als gesellschaftlicher Seismograf bezeichnet. Dieser Seismograf registriert Erschütterungen zunehmender Stärke. Am Mittwoch hat Before eine Bilanz seiner ersten zehn Jahre vorgelegt.
Allein in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Beratungsfälle bei Before um 43,5 Prozent gestiegen. Die „München Chronik“ dokumentiert rechte und rassistische Vorfälle in der Stadt. „Alarmierend“ nennt der geschäftsführende Vorstand Siegfried Benker diese Entwicklung. Zumal es sich dabei lediglich um die Spitze des Eisbergs handle. Gesellschaftliche Krisen schlagen direkt durch auf die Arbeit, die die Before-Beraterinnen und Berater leisten müssen – oft genug bis an deren Kapazitätsgrenze.

Zahlen der Antidiskriminierungsstelle:Rassistische Vorfälle in München auf Höchststand
Die Münchner Beratungsstelle Before schlägt Alarm. Fast 700 Menschen suchten dort im vergangenen Jahr Hilfe nach rechten Attacken oder rassistischen Diskriminierungen. Die Einrichtung stößt dabei an ihre Grenzen.
So beförderte die Corona-Pandemie nicht allein den antiasiatischen Rassismus. Sie ließ Hass und Hetze im Wohnumfeld und im Netz stark zunehmen. Der Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 ließ – so die Beobachtung der Before-Experten – das Sicherheitsgefühl von Menschen jüdischen wie muslimischen Glaubens in München erodieren. Bei den einen, weil ihnen offener Antisemitismus auf den Straßen und im Netz entgegenschlägt. Bei den anderen, weil sie sich antimuslimischen Ressentiments und Stigmatisierungen ausgesetzt sehen.
Das gegenwärtige gesellschaftliche Klima befördere eine Enthemmung bei potenziellen Tätern, beobachtet man bei Before. Die Urheber von Diskriminierungen und verbaler wie körperlicher menschenfeindlicher Gewalt kämen längst nicht mehr nur aus der organisierten rechten Szene: „Immer häufiger sind es Nachbarinnen und Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen oder Passantinnen und Passanten, die Menschen bedrohen oder auch körperlich angreifen“, sagt Benker.
Er macht dafür ein politisches Klima verantwortlich, in dem rassistische und menschenverachtende Positionen bis in die Mitte der Gesellschaft hinein zunehmend anschlussfähig würden. Benker sagt: „Wer das Stadtbild verändern möchte, möchte in Wirklichkeit die Stadtgesellschaft verändern.“
Die Debatte über innere Sicherheit werde in der Politik einseitig geführt, kritisiert Before-Berater Matthias Schmidt-Sembdner. „Über wessen Sicherheit sprechen wir überhaupt?“ Während ausschließlich über Migration als Sicherheitsproblem diskutiert werde, spiele die real bedrohte Sicherheit von Migranten und anderen Minderheiten kaum eine Rolle. Die Folge: Betroffene von Diskriminierung und rechter Gewalt fühlten sich zunehmend schutzlos, alleingelassen von Staat und Gesellschaft.
Besonders augenfällig ist das nach rechten Terroranschlägen, die in München so viele Todesopfer forderten wie in keiner anderen deutschen Stadt. Überlebende und Angehörige erlebten, dass Netzwerke nicht aufgedeckt wurden, dass rechter Terror jahrelang nicht als solcher benannt und stattdessen andere Motive in den Vordergrund gerückt, dass die Opfer marginalisiert wurden. Beim rassistischen Anschlag auf das OEZ 2016 war das so, nach den Münchner Morden des rechtsterroristischen NSU und beim Oktoberfest-Anschlag eines Neonazis im Jahr 1980. „Wer rechten Terror nicht sieht“, sagt Benker, „sieht auch die Opfer nicht“.
Before-Berater appellieren zu „kleinen Gesten der Solidarität“
Die Stadt München will es nach eigenem Bekunden besser machen. Mit einem 2009 ins Leben gerufenem „Netzwerk gegen Rechtsextremismus“, mit der Gründung des unabhängigen Vereins Before 2015 und der Unterstützung der dort geleisteten Beratungsarbeit mit derzeit jährlich 480 000 Euro. Dass es trotz dieser Summe einen „dringenden Mehrbedarf“ gibt, sieht auch Münchens dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD).
Doch woher nehmen in Zeiten knapper Kassen? Dietl verspricht intensive Gespräche, auch mit dem Ziel einer finanziellen Stärkung von Before. Und sie macht immerhin diese Zusage: Es werde definitiv keine Kürzungen geben. Die Arbeit von Before schütze die Fundamente des Zusammenlebens in München. Dietl: „München ist bunt, weltoffen und solidarisch – und das verteidigen wir aktiv.“
Was jenseits finanzieller Mittel für die Beratungsstelle den Betroffenen von rechter Gewalt und Diskriminierung konkret hilft, beschreiben Before-Berater wie Schmidt-Sembdner oder Lea Tesfaye so: Hin- statt wegschauen, einschreiten, das Gespräch mit Betroffenen suchen und so Solidarität zeigen. Das könne jeder, ohne dabei den Helden spielen zu müssen. „Kleine Gesten der Solidarität haben großen Einfluss darauf, wie Opfer Übergriffe bewältigen können.“

