Randale im Olympiadorf:Spur der Verwüstung

Lesezeit: 3 min

Brennende Bungalows, zertrümmerte Einrichtungen, prügelnde Gäste: 150 Polizisten beenden ein Studentenfest im Olympiadorf. Mit Bildern

Monika Maier-Albang und Bernd Kastner

Am Morgen danach zeigt sich die ganze Verwüstung. Kaum ein Fenster ist mehr heil. Die meisten Türen der Studentenbungalows sind herausgerissen und liegen in den schmalen Gassen, dazwischen Matratzen, Bettfedern, zerschlagene Spiegel. Der Boden ist übersät mit Scherben. Zwei Bungalows sind ausgebrannt, in einem steht das schwarze Gerippe eines Kühlschranks.

In der Nacht auf Sonntag ist eine Abschiedsparty im "Olydorf", der Studenten-siedlung im Olympiadorf, im Vandalismus untergegangen. Ein Teil der Anlage, gebaut 1972, wird demnächst abgerissen, und so hieß das Motto der Feier "Abrissparty". Einige der 2000 Besucher haben das wörtlich genommen.

Es ist gegen 23 Uhr, als die bis dahin friedliche Fete eskaliert. Betrunkene Partygäste nehmen alles, was sie finden - Eisenstangen, Stöcke, Steine, Bierbänke - und fangen an, "den Abbruch selbst in die Hand zu nehmen", wie es am nächsten Tag im Polizeibericht heißt. Die Polizei zählt am Sonntagmorgen 255 demolierte Bungalows.

Die Organisatoren der Feier vom "Verein Studenten im Olympiadorf" versuchen anfangs noch mit zwei Sicherheitsleuten, die Situation in den Griff zu bekommen. "Wir haben auf die Leute eingeredet, dass sie von den Dächern runterkommen sollen", sagt Vesselina Marinova, eine der Vorsitzenden. "Aber das hat alles nichts genützt." Als einige Randalierer Matratzen in Brand setzen und erste Flammen aus den Bungalows schlagen, ist die Polizei bereits eingetroffen.

Den ersten Brandherd können die Beamten selbst löschen. Doch kurz danach fängt ein zweiter Bungalow Feuer. "Es war eine extrem gefährliche Situation", sagt Polizeisprecher Wolfgang Wenger. Schaulustige stehen herum, rund 2000 unbeteiligte Partygäste müssen in Sicherheit gebracht werden. "Hätte das Feuer auf die Hochhäuser übergegriffen, wäre das eine Katastrophe gewesen", so Wenger.

Also löst die Polizei Großalarm aus. Alle verfügbaren Streifen werden zum Olympiadorf beordert, ebenso ein Hubschrauber. Dann machen sich 150 Beamte daran, das Dorf zu den Hochhäusern abzuriegeln und die Menschen aus der Gefahrenzone herauszuschicken. Die Randalierer mischen sich unter die Schaulustigen - weshalb die Polizei letztlich nicht sagen kann, wie viele sich am "Abriss" beteiligten.

Die Organisatoren der Party hatten sich auf ein kleines Fest eingestellt. 20 Kästen Bier standen bereit, 16 Biertische waren aufgebaut. Geworben hatte man nur mit Handzetteln, Plakaten am Ort und auf der Internetseite des Oly-Dorfs. Bis neun Uhr war "tote Hose", sagt Michael Lill, einer der Organisatoren. Kurz vor zehn Uhr ändert sich die Situation schlagartig. Hunderte drängen auf das Fest.

Die Polizei vermutet, dass Partygäste über Handy im "Schneeballsystem" Freunden und Bekannten Bescheid gegeben haben. Viele der neuen Besucher sind schon angetrunken, andere bringen selbst kistenweise Bier mit. Die Polizei geht davon aus, dass die Randale "keinen politischen Hintergrund hatte", so Wenger.

Niemand habe sich verschanzt oder die Beamten attackiert. Die Polizei nimmt von 180 Personen, die sich "aggressiv und unkooperativ verhalten", die Personalien auf. Sechs Gäste müssen ins Krankenhaus, sie haben sich bei einer Schlägerei gegenseitig verletzt.

Gegen drei Uhr hat sich die Lage weitgehend beruhigt. Die Feuerwehr ist wieder weg, über dem Olympischen Dorf steht noch der Hubschrauber mit seinem starken Scheinwerfer. Einzelne Besuchergruppen laufen an den Polizisten vorbei. Viele sind so betrunken, dass sie nicht erzählen können, was passiert ist. Am Sonntagmorgen dominieren Putztrupps das Dorf.

Am Hang, wo die eigentliche Partyzone war, liegt ein Klodeckel. Auf der Brüstung zum Parkhaus, das unmittelbar angrenzt, steht noch immer eine Sektflasche, auf dem Parkdeck liegen neben den dort abgestellten Autos leere Bierflaschen. Die Polizei hatte das Deck in der Nacht räumen müssen, weil sich dort unzählige Schaulustige versammelt hatten. Gegen Mittag beginnt das Technische Hilfswerk, das Gelände einzuzäunen.

"Entsetzt" zeigt sich Dieter Maßberg, als er die Reste der Party besichtigt. Der langjährige Chef des Studentenwerks plant jetzt als Projektleiter den Neubau. Die Höhe des Schadens sei noch unklar. Auch die noch bewohnten Teile des Dorfs seien demoliert. Für die Bewohner bricht er eine Lanze: Bei all den Festen habe es so etwas noch nie gegeben.

Einer der Organisatoren, ein 31-jähriger Student, läuft fassungslos durch die Trümmer: "Dass so etwas bei unserer Party passiert..." Er berichtet, dass ihm Besucher aufgefallen seien, die wohl keine Studenten waren. "Mob", sagt er. Bewohner hätten jedenfalls nicht randaliert. Alle hätten ihr Dorf viel zu sehr geliebt, "es ist das beste Wohnheim, das man in München finden konnte". Abriss-Party - "es war das falsche Motto", sagt er.

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