Ramersdorf Geschichte mit Zukunft

Das frühere Siemens-Areal an der Balanstraße hat sich zu einem modernen Gewerbegebiet gemausert. Nun wird es durch ein neues Bürogebäude vollendet

Von Alfred Dürr, Ramersdorf

Das ehemalige Pförtnerhäuschen, in dem zuletzt angeblich Münchens beste Currywurst gebrutzelt wurde, und die Zufahrt zu dem Gewerbeareal sind verschwunden. Eine riesige Baugrube tut sich dafür an der Ecke Balanstraße und St.-Martin-Straße auf. Dort soll bis 2020 ein neungeschossiges Bürogebäude entstehen, das das Münchner Büro Weikenmeier, Kunz + Partner Architekten, Ingenieure GmbH entworfen hat. Haus 27 heißt es schlicht. Mit diesem Projekt wird die bauliche Entwicklung dieses besonderen Gewerbegebiets namens "neue balan" - so die offizielle Schreibweise - weitgehend abgeschlossen sein.

Das Kreativ-Areal bietet viel Platz und auch Raum für moderne Gestaltungsformen.

(Foto: Jan Staiger)

Bei der Grundsteinlegung für das Gebäude vor einigen Tagen sprach der Landtagsabgeordnete und CSU-Generalsekretär Markus Blume vom Vorzeigecharakter des ehemaligen Infineon-Geländes. Wo die Siemens-Tochter vor ihrem Umzug nach Neubiberg Chips für den Halbleiter-Markt herstellte, ist während der vergangenen zehn Jahre Schritt für Schritt ein moderner Campus für rund 150 kreative Unternehmen, schwerpunktmäßig aus den Bereichen Medien, Mode, Marketing, Handel und Handwerk, entstanden. Das Gesicht des gesamten Münchner Ostens habe sich dadurch nachhaltig zum Positiven verändert, sagte Blume weiter.

Im Kreativ-Areal am Balan-Campus lockt auch ein Pool.

(Foto: Jan Steiger)

Maximilian von der Leyen gefällt dieses Lob. Beim Gang mit ihm über das Gelände spürt man seinen Enthusiasmus und seine Gestaltungslust. "Als ich das Gelände gekauft habe, waren viele skeptisch, weil ich nicht nach dem Motto vollständiger Abriss und Neubau vorging", sagt der Vorstand der Allgemeine Südboden Grundbesitz AG. Der herkömmliche Nutzungsmix von Wohnen und Gewerbe hat ihn nicht interessiert: "Ich war begeistert von der Atmosphäre des Industriegeländes und wollte die Substanz renovieren, teilweise aber auch im Stil der Tradition neu bauen."Auf dem Balan-Gelände befinden sich auch die Montessori-Schule mit Hort und die private Mediadesign-Hochschule.

Die Kunst schafft Bleibendes.

(Foto: Jan Staiger)

1949 hatten sich Siemens & Halske eine grüne Wiese gekauft, damals noch relativ weit draußen vor der Stadt. Die ersten Verwaltungs-, Fertigungs- und Laborbauten entstanden Mitte der Fünfzigerjahre nach den Entwürfen der Architekten Lippe und Maurer. Von Hans Maurer stammen zahlreiche Siemens-Gebäude in München, darunter das frühere Verwaltungshochhaus an der Baierbrunner Straße. Es wurde zum Wahrzeichen des Standorts in Obersendling.

Keine sterile Büro-Welt schwebte von der Leyen mit der "neuen Balan" vor, sondern ein Quartier mit einem abwechslungsreichen Charakter, das seine Herkunft nicht verleugnet und an den Charme rauer Industrieflächen erinnert. Die Neubauten orientieren sich in ihrem Erscheinungsbild deutlich an der Bauhaus-Architektur oder sie nehmen andere Bezüge auf, knüpfen zum Beispiel an das Erscheinungsbild des alten Fiat-Werks in Turin an. Kunst am Bau spielt eine große Rolle: An der Fassade eines neuen Bürokomplexes befindet sich weithin sichtbar eine stilisierte Halbleiter-Platte, die auf die Infineon-Vergangenheit verweist.

Food-Trucks bringen Kulinarisches.

(Foto: Jan Staiger)

In den umgebauten Gebäuden entstanden loftartige Arbeitsräume und Showrooms mit unterschiedlichen Größen und Zuschnitten. "Die Interessen der Mieter stehen im Mittelpunkt und nicht die der Kapitalanleger", sagt von der Leyen. Die Mitarbeiter sollen auch Platz zum Entspannen haben, etwa in den Dachgärten oder auf begrünten Terrassen und auf anderen Flächen mit Bäumen und Rasen. Stolz zeigt von der Leyen auch den schmalen, 50 Meter langen Pool in der Mitte des Geländes her. Im Sommer ist das ein beliebter Ort zum Sonnen oder zum Schwimmen. Weil so viel Wert auf das Wohlbefinden gelegt wird, wurde von der Leyen 2015 vom Urban Land Institute (ULI) in der Kategorie "Building Healthy Places" ausgezeichnet. Das ULI setzt sich für eine stärkere Verbindung von Immobilienentwicklungen und der Gesundheit ein.

Die Stadt hat die Geschichte der "neuen Balan" von Anfang an mit Wohlwollen begleitet. Das Areal sei ein Beispiel für andere und neue Wege gerade in einer Stadt wie München, in der starke Nachfrage nach Räumen und hohe Bodenpreise oft zu Neubau-Projekten führen, sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Das Umstrukturierungskonzept an der Balanstraße ist für sie in jeder Hinsicht ein Vorbild, zumal München nicht unbegrenzt bebaut und ausgedehnt werden könne.

Für das Gelände hatte die Stadt aufgrund des damals vorgelegten Konzepts keinen Bebauungsplan aufgestellt. "Hätte sie auf einem Bebauungsplan bestanden, wäre das Areal über Jahre hinweg für uns nicht wirtschaftlich nutzbar gewesen", sagt von der Leyen. Mit einem "städtebaulichen Vertrag" regelte die Stadt - "auf nur zwei Seiten", wie von der Leyen betont - das weitere Vorgehen. Das sei ein Weg gewesen, der in dieser Form in München erstmalig beschritten worden sei.

Markus Blume hat bei seiner Rede zur Grundsteinlegung für das Haus 27 nicht übertrieben. Die Entwicklungen bei der "neuen Balan" haben längst auf die Umgebung abgefärbt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Gegend zwischen dem Ostbahnhof und dem Ostfriedhof in den Büromarkt-Berichten kaum vorkam. Das hat sich inzwischen deutlich geändert. Ramersdorf und Berg am Laim sind bevorzugte Standorte geworden. In den neuen Quartieren erkennt man, dass die Architekten bei diesen Bauten immer wieder Gestaltungselemente einbringen, die an die Industriearchitektur von einst erinnern - was bei der "neuen Balan" beispielhaft umgesetzt wurde.