bedeckt München 24°

Ramersdorf:Der Traum von einer Bühnenkarriere

Ein Workshop der Theaterschule Yorick gibt Einblick in die Ausbildung - und verschweigt auch die Risiken dieses Berufes nicht

Von Merle Körber, Ramersdorf

Sie klopfen den Körper ab, hüpfen, treten von einem Bein auf das andere und schütteln einen imaginären Stein einmal durch den ganzen Körper, von der Hand in den Ellenbogen, in die Schulter, dann herunter ins Becken. Dann stehen sie alle mit kreisenden Hüften nebeneinander. "Erst mal geht es darum, aus dem eigenen Kopf heraus zu kommen", sagt Livia Schoeler, Lehrerin an der Theaterschule Yorick. Schauspielerei habe weniger mit dem Kopf zu tun, stattdessen komme es auf Körper und Stimme an, erklärt sie. Besonders wenn man gerade erst von der Arbeit kommt und gedanklich noch ganz woanders ist, muss man sich davon erst einmal frei machen.

Die bunt zusammengewürfelte Gruppe in weiten Stoffhosen und mit aus dem Gesicht gebundenen Haaren lässt sich auf die Aufwärmspiele für Stimme und Körper ein. Es sind Teilnehmer eines Workshops, die sich hier über die Ausbildung an der Schauspielschule informieren: Wer drei Jahre täglich von morgens bis abends an Szenen, Rollen und Stimmbildung gearbeitet hat, Dramentexte analysiert, sich in Gesang, Musik und Regie erprobt hat, hält danach ein Zeugnis über eine abgeschlossene Berufsausbildung in Schauspiel, Regie und angewandtem Theater in den Händen. Kosten: 375 Euro im Monat, man kann aber BAföG beantragen.

Lehrerin Livia Schoeler.

(Foto: Robert Haas)

Wie sicher die Berufsaussichten im Theater sind, schätzt Peter Geierhaas, Lehrer der Schule und Projektleiter des Festspielhauses München, ziemlich realistisch ein: "Dass es keinen Garant für Erfolg gibt, ist jedem klar." Doch wer sich zu sehr an einen "Plan B" hänge, schaffe den Durchbruch nicht. "Die Leute, die Schauspieler werden, sind die, die sich reingeschmissen haben." "Es ist kein formaler Abschluss, der mit Sicherheit Türen öffnet", gibt er zu. Dafür werden die Schüler auf alle Facetten der Schauspielerei vorbereitet. Bestimmte Schwerpunkte widmen sich zum Beispiel dem Bühnenkampf, Stunts, Fechten, der Rolle des Clowns oder auch der Arbeit mit verschiedenen Tierrollen. "Bei uns lernen die Schüler aber auch, eigene Theaterprojekte zu leiten", ergänzt er.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind natürlich auch im Theater zu spüren. Über Monate hinweg konnten weder Proben noch Aufführungen stattfinden. Da Schauspieler an Projekte gebunden sind, gelangen sie schnell ans Existenzminimum, wenn eine Produktion nicht stattfinden kann. Wie viele Schauspieler sich in den letzten Monaten mit finanziellen Problemen geplagt haben, weiß Hans-Werner Meyer vom Bundesverband Schauspiel. Oft seien Verträge mit einer Klausel versehen, die Produzenten gegen "höhere Gewalt" absichert. Besonders betroffen sind dabei Künstler, die auf Gastbasis arbeiten und nicht Teil eines festen Ensembles sind. Viele Schauspieler haben sich laut Meyer mit rechtlichen Fragen an den Bundesverband gewandt, weil ihre Arbeitgeber nicht zahlen wollten.

"Ich will Schauspielerin werden": Die 18-jährige Veronika Haider.

(Foto: Robert Haas)

Auch im Festspielhaus und der dazugehörigen Schauspielschule laufen Produktionen jetzt erst langsam wieder an. "Viele Menschen sind noch unsicher und schrecken vor größeren Veranstaltungen zurück", sagt Peter Geierhaas. Dennoch ist er zuversichtlich, dass die Zuschauer zurückkommen, sobald die Bestimmungen weiter gelockert werden. "Menschen brauchen Kultur", weiß er. Und: "Theater hat den Live-Faktor, den das Kino nicht bieten kann."

Auch Veronika Haider lässt sich durch die Pandemie nicht von ihrem Traumberuf abschrecken. "Corona macht mir nicht so große Sorgen, wenn ich ehrlich bin", sagt die 18-Jährige, eine der fünf jungen Teilnehmerinnen beziehungsweise Teilnehmer. Für sie steht fest: "Ich will Schauspielerin werden." Deshalb will sie in diesem Workshop mehr über den Aufbau der Ausbildung erfahren. Ihr jüngstes Projekt, eine Theateraufführung ihrer Schule, in der sie die Hauptrolle gespielt hätte, wurde nur eine Woche vor der Aufführung wegen Corona abgesagt. Natürlich hat das für sie nicht die Auswirkungen wie "für jemanden, der damit sein Geld verdienen muss". Für die Abiturientin ist der Berufseinstieg einfach noch zu weit weg. Doch auch wenn sie weiß, dass die Risiken, die mit einer Karriere als Schauspielerin einhergehen, groß sind, bleibt sie dabei: "Ich brauche das Theater einfach." Einem einzigen Standbein vertraut sie dennoch nicht: "Ich will nebenbei Theaterwissenschaften studieren", erzählt sie. Das sei natürlich auch nicht der sicherste Studiengang, ergänzt sie lachend - aber immerhin hätte sie dann einen Uni-Abschluss vorzuweisen.

Zur Schauspielerei gehört viel Herzblut. Talent ist nicht alles, Erfolg ist nicht garantiert. "Wir machen hier etwas, was Spaß macht", fasst Peter Geierhaas zusammen. "Oft gibt es eben mehr Geld für Dinge, die weniger Freude machen."

An diesem Freitag, 7. August, bietet die Schauspielschule noch einen Info-Workshop an. Nach Spielen, Improvisationstheater und Szenenentwicklung können Fragen zur Ausbildung gestellt werden. Der Kurs beginnt um 18 Uhr im Festspielhaus an der Rosenheimer Straße 192. Anmeldungen sind telefonisch unter der Nummer 67 20 20 oder per Mail an info@theaterschule.de möglich.

© SZ vom 07.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite