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Ramersdorf:Angst um ein Ensemble

Die Weiskopfstraße in München

Immer für eine Entdeckung gut: Wer den Loehleplatz und die Siedlung westlich davon nicht kennt, dürfte überrascht sein vom dörflich-kleinstädtischen Charme, den die Einfamilien-Reihenhäuser und ihre liebevoll gepflegten Vorgärten, wie hier in der Weiskopfstraße, verbreiten.

(Foto: Robert Haas)

Der Wohnungsverein München 1899 will mit Abriss und Neubau stark in das Gebiet zwischen Loehleplatz und Führichstraße eingreifen. Die Bewohner hoffen nun, dass der Denkmalschutz und OB Dieter Reiter dies verhindern

Von Hubert Grundner, Ramersdorf

Das Entsetzen war groß im Viertel, nachdem durchsickerte, was für Abriss- und Neubaupläne der gemeinnützige Wohnungsverein München 1899 für das Gebiet zwischen Loehleplatz und Führichstraße verwirklichen will. Umso entschlossener zeigen sich inzwischen aber Bewohner, Nachbarn und Unterstützer in ihrem Widerstand gegen das Vorhaben. Zusammengeschlossen haben sie sich innerhalb kurzer Zeit in der "Aktionsgemeinschaft Unser Ensemble".

Eine attraktiv gestaltete Homepage (www.unser-ensemble.de) dient den Mitgliedern dabei als zentrales Kommunikationsforum, um für ihre Sache zu werben. Oder wie es in ihren eigenen Worten heißt: "Uns liegt unser malerisches Viertel am Herzen. Unser Anliegen ist es, den besonderen Charme dieses Viertels zu bewahren. Mit dieser Webseite möchten wir auf die historische und architektonische Bedeutung des Ensembles aufmerksam machen und über aktuelle Entwicklungen berichten. Wir möchten eine Plattform bieten für den Austausch zu Belangen der Anwohner. Und wir möchten beitragen zu einem lebendigen Stadtteilleben, Menschen in Kontakt bringen und Nachbarschaft fördern."

Der Einsatz vieler Bewohner für das Viertel scheint sich auch bereits gelohnt zu haben. So vermeldet die Aktionsgemeinschaft als ersten Erfolg, dass auf deren Intervention hin das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) eine mögliche Erweiterung des Ensembles "Wohnanlagen am Loehleplatz" um die Anwesen prüft, die von den Plänen des Wohnungsvereins betroffen wären. Dabei handelt es sich um die Grundstücke mit den Adressen Führichstraße 18-68 (gerade Nummern), Maria-Lehner-Straße 18-42 (gerade Nummern) sowie 37 und 39 und Weiskopfstraße 1, 3, 5, 39, 41 und 43. Andere Anwesen in der Weiskopf- und der Maria-Lehner-Straße gehören dem Ensemble "Wohnanlagen am Loehleplatz" bereits an. Solange die Prüfung der aufgelisteten Anwesen auf ihre Schutzwürdigkeit läuft, wird auch die Entscheidung über die Bauvoranfrage des Wohnungsvereins zurückgestellt, maximal bis zu zwei Jahre.

Damit sollten sich die Bewohner des Quartiers zumindest einmal eine "Verschnaufpause" verschafft haben. Außerdem haben sie in der Schutzgemeinschaft (SG) Ramersdorf sehr aktive Unterstützer gefunden. Von denen stammt auch die Idee, Postkarten im Viertel zu verteilen, soweit coronabedingt möglich, beziehungsweise sie im Internet zum Download anzubieten. Auf der einen Seite steht als Überschrift "Rettet das Ensemble am Loehleplatz in Alt-Ramersdorf". Eingerahmt von Bildern, findet sich hier auch eine kurze Beschreibung des Ortes. Und auf der anderen Seite findet sich als vorgedruckter Adressat der Postkarte: Oberbürgermeister Dieter Reiter. An ihn kann dann jeder einzelne Absender den Appell richten, für den Erhalt des Ensembles beziehungsweise für die Erweiterung des Ensembleschutzes einzutreten. Inzwischen dürften schon einige Karten auf Reiters Schreibtisch gelandet sein ...

Darüber hinaus hat sich der Architekt Christoph Randl im Namen der SG eingehender mit dem Viertel beschäftigt und sich um eine architekturhistorische Einordnung bemüht. Randl zufolge veröffentlichte der österreichische Stadtplaner Camillo Sitte 1889 die programmatische Schrift "Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen". Darin forderte er zu einer malerischen, künstlerischen, nicht rein ökonomisch orientierten Stadtplanung auf. Die vielleicht bekannteste Umsetzung dieser Haltung in Deutschland gelang dem Architekten Paul Schmitthenner mit der bis 1917 errichteten Gartenstadt Staaken in Spandau bei Berlin. Aber auch in Ramersdorf gebe es eine Realisierung, die den Ideen Sittes sehr nahekomme: die Wohnanlagen am Loehleplatz.

Die Häuser entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts im malerischen Heimatstil

Zwischen 1907 und 1927 wurden die Gebäude zwischen der Rosenheimer Straße und der Weiskopfstraße (inklusive ihrer östlichen Zeile) sowie zwischen der Maria-Lehner-Straße im Süden und der Wollanistraße im Norden errichtet. Der Baustil ist laut Randl ein malerischer Heimatstil mit vielen Details, wie er von der sogenannten Süddeutschen oder Stuttgarter Schule, zu der auch Paul Schmitthenner gehörte, propagiert wurde. Aber auch expressionistische Elemente finden sich, insbesondere am Eckgebäude Rosenheimer Straße/Maria-Lehner-Straße Südseite. 1936 wurden dann noch die Reihenhäuser an der Führichstraße und ein Kopfbau im Süden der östlichen Zeile der Weiskopfstraße ergänzt, stilistisch etwas sachlicher gehalten, aber sich im Wesentlichen der stadträumlichen Idee der bestehenden Siedlung einordnend.

Das stadträumliche Konzept folgte der damals gerade in Kraft getretenen Staffelbauordnung von Theodor Fischer. An der schon zur Bauzeit verkehrsreichen Rosenheimer Straße schützte ein viergeschossiger Wohnungsbau die niederen Bauten im Blockinneren. Wie auch die Mustersiedlung aus den Dreißigerjahren jenseits der Rosenheimer Straße orientiert sich das Ensemble zum alten Ortskern von Ramersdorf hin.

Besonders hervorragend dank liebevoller Bauteilgestaltung und großer Einheitlichkeit sei der Loehleplatz selbst. Er stelle ein stadträumliches Idyll dar, wie man es in München und auch sonst kaum mehr finde. Ein Teilabriss, wie im Vorbescheidsantrag skizziert, würde nach Randls Einschätzung eine nicht zu kurierende Wunde in das Idyll am Loehleplatz schlagen und das restliche geschützte Ensemble nachhaltig auf schwerste Weise beschädigen.

"Einigermaßen fassungslos" seien sie gewesen, als sie von den Plänen des Wohnungsvereins gehört haben, erzählt Bettina Rubow, Sprecherin der SG Ramersdorf. Da der Abriss erst in sechs bis sieben Jahren geplant sei, hegt sie die Hoffnung, dass die betroffenen Häuser noch zu retten sind. Denn eines stehe für sie und ihre Mitstreiter fest: "Einen solchen charaktervollen Bestand darf man nicht preisgeben."

© SZ vom 29.01.2021
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