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Muslime in München:"Es war ein einsamer Ramadan"

Was ist Religion ohne Begegnung, fragt Imam Ahmad Popal.

(Foto: Gino Dambrowski)

Muslime mussten in diesem Jahr auf das gemeinsame Feiern verzichten, das Fastenbrechen war nur in kleinem Kreis erlaubt. Die Moscheen leiden unter finanziellen Sorgen, manche sehen gar ihre Existenz bedroht.

Von Linus Freymark

Am schlimmsten, sagt Ahmet Özdemir, seien die fehlenden Feiern mit Freunden und Verwandten gewesen. "Dass man sich nicht sehen konnte - das war die größte Einschränkung", meint Özdemir. Normalerweise wird im muslimischen Fastenmonat Ramadan abends, nach Sonnenuntergang, das tägliche Fastenbrechen mit Freunden und Familie begangen und normalerweise waren diese Zusammenkünfte für Fastende wie Özdemir immer der Höhepunkt des Tages.

Die Treffen sind ein Stück weit eine Belohnung für die tagsüber gelebte Enthaltsamkeit: Denn während des Ramadans dürfen die Gläubigen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang unter anderem nicht essen, trinken oder rauchen. Umso üppiger fällt dann das Abendessen aus und genau deshalb haben Özdemir die sonst so normalen Zusammenkünfte heuer besonders gefehlt. "Eigentlich gehören die Treffen mit Freunden und Familie zum Ramadan dazu", sagt er. "Der Fastenmonat lebt davon - umso trauriger war es, dass man in diesem Jahr darauf verzichten musste."

Landwehrstraße München 2021

Ahmet Özdemir vermisst die Kontakte in der Pandemiezeit.

(Foto: Robert Haas)

Ramadan fast ohne soziale Kontakte - wie Ahmet Özdemir haben auch alle anderen Gläubigen in München gerade während religiöser Feierlichkeiten besonders unter den Corona-Bedingungen gelitten. Christen mussten auf ein gemeinsames Weihnachten und Ostern verzichten, für Juden ist das Pessach-Fest mehr oder weniger flachgefallen und im Fastenmonat hat es nun die Muslime getroffen.

"Es war ein einsamer Ramadan", sagt auch Imam Ahmad Popal von der Civitas-Gemeinde in Sendling. "Besonders traurig war, dass die Familien und vor allem die älteren Menschen in diesem Jahr allein bleiben mussten." In seiner Gemeinde waren wie in den anderen Moscheen der Stadt auch keine gemeinsamen Gebete möglich, auf all die sonst so normalen sozialen Kontakte innerhalb der Gemeinde musste in diesem Jahr verzichtet werden. "Was ist denn Religion ohne Begegnung?", fragt Popal.

Hinzu kommen die von der Pandemie verursachten finanziellen Sorgen. Die Civitas-Gemeinde stehe kurz vor der Pleite. Wenn kaum Gläubige in die Moschee kommen, spendet auch fast niemand etwas. Und diejenigen, die trotzdem etwas spenden würden, obwohl sie derzeit nicht ins Gebetshaus gehen können, haben längst nicht mehr so viel zu geben wie vor Corona. Popal befürchtet deshalb, dass neben seiner auch weitere Moscheen in ihrer Existenz bedroht sind - einige wird es in Zukunft wohl nicht mehr geben. "Was das angeht, hat die Corona-Pandemie fatale Folgen für uns", sagt Popal.

Immerhin: Für Ahmet Özdemir haben sich die Sorgen ums Geld als unbegründet herausgestellt. Özdemir arbeitet im Management der Bäckerei Sultan in der Goethestraße. Während des Fastenmonats verkaufen sie hier vor allem Baklava und andere Süßspeisen. Vor dem Ramadan hatte Özdemir ein bisschen Angst, dass die während des Ramadans sonst so guten Umsätze zurückgehen könnten. Sicher, die Nachfrage habe sich geändert, die Portionen etwa seien kleiner geworden. Aber der befürchtete Umsatzeinbruch sei ausgeblieben, immerhin.

Trotzdem hat sich für Özdemir auch in der Bäckerei einiges geändert, die Abläufe mussten an die veränderten Kundenwünsche angepasst werden. Kleinere Torten oder Baklava-Bleche waren gefragt, dafür eine höhere Stückzahl. Und natürlich haben auch bei Sultan die Zusammenkünfte gefehlt. Die Familien etwa, die im Gastraum zusammen gefeiert haben, die gemeinsamen Abendessen mit den Kolleginnen und Kollegen - auf all das mussten Özdemir und die anderen in diesem Corona-Ramadan verzichten.

An den Ramadan, der an diesem Mittwoch zu Ende geht, schließt sich das Zuckerfest an, das von Donnerstag bis Samstag geht und als eine der höchsten Feierlichkeiten im Islam gilt. "Normalerweise verbindet man das mit Freude und Zuneigung", erklärt Imam Ahmad Popal. Doch auch die Vorfreude auf das bevorstehende Fest ist in diesem Jahr gedämpft. Ahmet Özdemir etwa besucht zum Ende des Ramadans eigentlich jedes Jahr seine Großeltern, die in Berlin wohnen. Nun muss er schon zum zweiten Mal darauf verzichten. "Das wurde gar nicht erst geplant", sagt Özdemir - zu groß ist die Angst Oma und Opa anzustecken.

Umso größer sind die Erwartungen von Popal und Özdemir für den kommenden Ramadan. "Im nächsten Jahr hoffe ich auf einen Ramadan mit mehr Gemeinschaft und weniger Individualität", sagt Popal. Und auch Ahmet Özdemir wünscht sich wie Ahmad Popal, dass sich die Situation bald wieder bessert - nicht nur für Muslime. "Wir sind alle von dieser Pandemie betroffen", sagt Özdemir, "egal ob Muslime, Christen oder Juden." Seine Zuversicht hat er trotz des vom sozialen Verzicht geprägten Fastenmonats nicht verloren: "Ich bin optimistisch, dass das bald alles vorbei ist."

© SZ vom 12.05.2021/van/vewo/baso
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