Rainer Ulrich bei FC Bayern II Der Trainerflüsterer

Meister und Lehrling: Beim FC Bayern II hat Mehmet Scholl jetzt Co-Trainer Rainer Ulrich an der Seite.

Von Benedikt Warmbrunn

Im Sommer 1989 befand sich die Karriere des Mehmet Scholl in einer entscheidenden Phase. Der damals 18-Jährige war zu alt für die A-Jugend des Karlsruher SC, aber zu den Profis wollte ihn im Klub niemand befördern. Fast niemand. Es war Rainer Ulrich, Co-Trainer des damaligen Bundesligisten, der sich für den Techniker einsetzte.

Mehmet Scholl steht vor seiner ersten ganzen Saison als Trainer der zweiten Mannschaft des FC Bayern, neuerdings mit Co-Trainer Rainer Ulrich, der ihm beim KSC zur Profikarriere verhalf.

(Foto: Foto: ddp)

Der Rest ist bekannt: Scholl setzte sich beim KSC durch, wechselte zum FC Bayern, wurde Nationalspieler und acht Mal deutscher Meister. Wem er die Erfolge auch zu verdanken hat, hat Scholl nie vergessen. Der 38-Jährige bereitet beim FC Bayern II seine erste komplette Saison als Cheftrainer im Profifußball vor. Seit dem Trainingsstart im Juni an seiner Seite: Rainer Ulrich, inzwischen 60. "Er ist ein großer Förderer und Freund", sagt Scholl, "der Kontakt ist nie abgebrochen."

In Zeiten immer größer werdender Trainerstäbe leistet sich Scholl nun den Luxus zweier Co-Trainer. Neben Ulrich ist dies Gerd Müller, seit 1992 Assistent bei der zweiten Mannschaft. Dass Scholl sein Team vergrößert hat, liegt nicht daran, dass er sich die Aufgabe ohne weitere Unterstützung nicht zutrauen würde.

Der zusätzliche Co-Trainer hat pragmatische Gründe: Scholl besitzt lediglich die B-Lizenz, als Cheftrainer benötigt er eine Sondergenehmigung. Um die A-Lizenz zu erhalten, muss Scholl von Mitte November bis Mitte Dezember einen Lehrgang in Hennef absolvieren. In dieser Zeit kann er sich nicht um das Team kümmern. Deshalb wurde ein Co-Trainer gesucht, der die Fußballlehrerlizenz hat.

Scholl entschied sich für Ulrich. "Das war sein erster und ausdrücklicher Wunsch", sagt Jugendleiter Werner Kern, der sofort zustimmte. "Rainer Ulrich ist loyal, er ist ein absoluter Fachmann", begründet Scholl seine Wahl.

Hört man sich in der Mannschaft um, ist es genau dieses Fußballwissen, das den größten Eindruck hinterlässt. "Er ist sehr, sehr kompetent, hat ein großes Fachwissen", sagt Mittelfeldspieler Manuel Duhnke, "er kennt sich unglaublich gut im Fußballgeschäft aus." So unterhält sich Ulrich mit den Spielern auch über das aktuelle Geschehen, kommentiert Wechselgerüchte auf dem Transfermarkt.

"Er macht nix außer Fußball schauen, Fußball leben, Fußball atmen", sagt Scholl. "Ich bin ein Fußballverrückter, Fußball ist mein Leben", sagt Ulrich selbst. In Gesprächen zeigt sich, wie vernetzt er ist. Überall kennt er jemanden. Was nicht verwundert: Er blickt auf eine beachtliche Laufbahn zurück, der aktuelle Posten ist sein zwölfter. Seine Karriere startete Ulrich als Co-Trainer beim KSC, wo er von 1984 bis 1994 arbeitet, von 1995 bis 1998 war er schon einmal beim FC Bayern II, damals als Cheftrainer.

Den Höhepunkt bildete seine Zeit als KSC-Profitrainer von August 1998 bis Oktober 1999. Zuletzt war Ulrich zwei Jahre lang Scout beim KSC, 2007 trainierte er für drei Monate den Bayernligisten SC Fürstenfeldbruck.

Seine Erfahrung bringt Ulrich im Trainingsalltag beim FC Bayern II immer wieder ein: "Ich weiß, wie man in gewissen Situationen reagieren kann, ich habe das ja alles schon am eigenen Leib erfahren."Scholl berät sich häufig mit Ulrich, hört auf seinen Assistenten, hat viel von ihm gelernt. "Das ist zwar alles neu für ihn, er muss noch einiges lernen", sagt Ulrich über Scholl, "aber er macht bisher einen sehr guten Job."

Scholl hat zahlreiche gute Ideen, was er wie gerne verbessern würde. Er steht für einen offensiven Fußball, mit viel Freiheit für den Einzelnen, fordert den Mut zum Risiko. Jede Bestätigung von Ulrich gibt Scholl ein Stück zusätzlicher Sicherheit, dass sein Weg ein guter ist. So ist Müller der erfahrene Kumpel für die Spieler, die gerne mit ihm sprechen, da er stets ein offenes Ohr hat. Ulrich dagegen ist der Trainerflüsterer, der mit seiner Erfahrung Scholl stützt.

Das Sagen auf dem Platz aber hat Scholl, er hat die Verantwortung und das letzte Wort. In diesem Rahmen genießt Ulrich eigene Freiheiten, am Donnerstag etwa leitete er das Sondertraining.

Aufgrund der engen Verbindung zwischen Scholl und Ulrich hat keiner der Spieler Sorgen, dass es in den vier Wochen ohne den Chef Probleme geben könnte. "Das passt alles relativ gut, ist alles sehr positiv", sagt Duhnke, "Ulrich versteht sich mit Scholl, und er versteht sich mit der Mannschaft." Die sollte sich ohnehin an den Gedanken gewöhnen, ohne den eigentlichen Chef zu trainieren. Scholl hat sich bereits für den Kurs zur Fußballlehrerlizenz beworben, die er frühestens im nächsten Sommer beginnen kann. Er wäre dann von Montag bis Donnerstag in Köln. Für rund ein halbes Jahr.