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Rainbow Refugees Stories:"Ich finde, er kann auf seine Geschichte stolz sein"

Francesco Giordano

"Wo man geboren wird, ist Glückssache", sagt Francesco Giordano, selbst homosexuell. Er ist in Deutschland aufgewachsen.

(Foto: Gina Bolle/oh)

Francesco Giordano fotografiert Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung aus ihren Heimatländern flüchten mussten - er will, dass sie sich ihre Würde zurückerobern.

Würde! Darum geht es Francesco Giordano, 26, in seiner Arbeit. Giordano blättert in einem Magazin, schlägt sachte eine der Seiten auf und legt seine Hand auf die Fotografie eines jungen dunkelhäutigen Mannes in strahlend weißem Hemd. Das Haupt ist erhoben, das Kinn weit nach vorne gereckt, der Blick direkt auf den Betrachter gerichtet. Herausfordernd wirkt das. Auf seinen Lippen liegt der Hauch eines Lächelns. Alles an ihm strahlt Selbstbewusstsein aus. Oder Stolz, wie Giordano sagt. Stolz - so sollten die Menschen Edward Mutebi sehen können. Mutebi, der Männer liebt und deswegen seine Heimat Uganda verlassen musste. Giordano, der das Porträt fotografiert hat, wollte vermeiden, dass Mutebi im kollektiven Gedächtnis der Betrachter "nur" einer von vielen afrikanischen Flüchtlingen bleibt. Oder schlimmer noch, ein Opfer.

Giordano ist Fotograf und der Initiator des Magazins Rainbow Refugees Stories. Das hat er am Wochenende gemeinsam mit seinen Kollegen vorgestellt. Entstanden ist es in Kooperation mit dem Presseclub München und dem Verein Rainbow Refugees. Insgesamt 22 Journalisten und 23 Fotografen erzählen darin die Geschichten von Geflüchteten, die in ihrer Heimat wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Identität verfolgt wurden. "Wir wollten erreichen, dass die Porträtierten nicht nur als Flüchtlinge gesehen werden, sondern als Persönlichkeiten", sagt Giordano. Menschen mit Charakteren und Vergangenheit, so wie Mutebi. Einer Vergangenheit, die zwar von Verfolgung geprägt ist, aber auch von außergewöhnlichem Mut erzählt.

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Giordano, selbst homosexuell, musste diese Geschichten einfach erzählen, musste die Geflüchteten porträtieren. Er selbst spricht von einer Herzensangelegenheit, aber es war mehr als das. Ein innerer Drang, fast eine Mission. "Wo man geboren wird, ist Glückssache", sagt der 26-Jährige. Giordano hatte Glück. Er ist in Deutschland aufgewachsen. In einer Gesellschaft, die er als relativ offen bezeichnet. Als seine Mitschüler damals erfahren haben, dass er schwul ist, habe er höchstens mal einen blöden Spruch einstecken müssen. Nichts ernstes, versichert er. "Wie Jugendliche eben so sind." Giordano winkt mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung seiner Hand ab. Alles halb so wild, soll das heißen.

Giordano ist niemand, der sich gerne selbst darstellt, er hält sich mit dem Erzählen eigener Erfahrungen zurück. Wie sollte er außerdem seine Erlebnisse sonst einordnen, gemessen an dem, was er über Misshandlung, Erpressung und Ausgrenzung Homosexueller in anderen Ländern erfahren hat? Vor dem Projekt sei ihm das Ausmaß des Leids Homosexueller in anderen Kulturen nicht bewusst gewesen. Die Geschichten haben ihn betroffen gemacht, traurig, wütend. "Die rechtliche Situation ist das eine. Aber in Uganda zum Beispiel trägt vor allem die Gesellschaft die Homophobie mit." Und dann die Sache mit der Polizei. Viele hätten erzählt, dass die Polizei nicht die Angreifer festnimmt, wenn es zu hassmotivierten Übergriffen auf Homosexuelle kommt. Sondern die Opfer.

Ähnliches hat auch Mutabi erlebt, den Giordano porträtiert hat. Weil Mutebi homosexuell ist, wurde er in Uganda heftig angefeindet. Unerträglich wurde die Situation für den heute 27-Jährigen, nachdem er in seiner Heimat ein sogenanntes Safe-Housing-Projekt für LGBT-Menschen aufgebaut hatte. LGBT ist eine Abkürzung und steht für Lesbian, Gay, Bisexuell und Transgender. Mutebi hat eine geschützte Unterkunft für Menschen geschaffen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität bedroht wurden. In Uganda ist Homosexualität ein Tabu. Sexuelle Handlungen unter Gleichgeschlechtlichen stehen unter Strafe. Drohanrufe, Schikanen der Polizei und die offene Verachtung aus seinem sozialen Umfeld - Mutebi hat all das erlebt. Einige Jahre nachdem er das Safe-Housing-Projekt gegründet hatte, wurde ihm vorgeworfen, Homosexualität zu verbreiten. In Uganda ein ernstes Vergehen. Von diesem Zeitpunkt an fahndete die Justiz offiziell nach ihm. Für den jungen Mann eine lebensbedrohliche Situation. Er beschloss zu fliehen. "Ich finde, er kann auf seine Geschichte stolz sein", sagt Giordano. Mutebi hat jahrelang sein Leben riskiert, um andere zu schützen. Und das soll jeder sehen können.

"Trotz der oft schlimmen Erlebnisse wollten wir nicht, dass das Magazin zum Schreckenstagebuch wird", sagt Giordano. Immer wieder gibt es auch schöne Geschichten. Happy Ends. Giordano lächelt. Er denkt an Ragni und Anmol aus Pakistan. Ihre Nachnamen werden auch im Magazin nicht genannt. Ragni und Anmol sind zwei Transgender-Menschen, die heute offen und ohne Angst als Frauen in Bayern leben. Anders als in Pakistan können sie hier mit den traditionellen Tänzen aus ihrer Heimat öffentlich auftreten. "Wenn sie auf die Bühne kommen, wirken sie so selbstbewusst. Sie sind dann total happy", sagt Giordano mit seiner ruhigen Stimme. "Tanzen ist gut. Beim Tanzen lache ich", sagt Anmol in der Geschichte im Magazin. Endlich frei.

Die Texte über Anmol und Ragni sowie das Interview mit Edward Mutebi, sind zwei von insgesamt 23 Geschichten in dem Magazin. Dort kommen auch "Experten" wie die Mentoren der Rainbow Refugees München, ein Traumatherapeut und eine Anwältin zu Wort. Hintergrundinformationen zur rechtlichen und gesellschaftlichen Situation in den Herkunftsländern der Porträtierten sollen dem Leser die Einordnung der Geschichten erleichtern.

In dem Magazin stecken sechs Monate ehrenamtliche Arbeit. Gespräche, Foto-Sessions, Faktenchecks soweit wie möglich. Zudem gab es Unterstützung von Illustratoren, Webdesignern und einer Druckerei, die das Projekt von Anfang an großartig fanden. Dass seine Rainbow Refugees Stories einmal so wachsen und dass so viele Leute daran mitarbeiten würden, hat Giordano lange nicht für möglich gehalten. Kein Anzeichen für einen Höhenflug bei Giordano - aber die Freude über den Zuspruch zum Projekt kann man ihm ansehen. Giordano gestattet sich ein breites Lächeln, einen bewegten Blick aus tiefbraunen Augen.

Angefangen hatte ja alles ganz klein. Mit einem spontanen Vorschlag im Rainbow Refugees Café, ein Angebot des Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrums München (Sub). Dort können sich bi- und homosexuelle sowie transsexuelle Geflüchtete austauschen und Hilfe holen. "Ich habe angeboten, Porträtfotos von LGBT-Geflüchteten zu machen", sagt Giordano, der als freiberuflicher Fotograf hauptsächlich Werbeaufträge annimmt. Statt der ursprünglich geplanten sechs Menschen, hatte er an diesem Tag 27 vor seiner Kamera. Zunächst waren lediglich Fotografien geplant, doch Giordano merkte schnell, dass hinter jedem der Bilder Geschichten stecken. Und die mussten erzählt werden.

Das Projekt wuchs, und damit verbunden der Zuspruch von außen. "Ich wusste plötzlich, das wird groß", sagt Giordano. Und wenn er auf den Nachmittag im Café zurückblickt: "Ich war überrascht von dem Ansturm. Es ist ja für sie auch ein Risiko, sich öffentlich zu outen", sagt er. Gerade, wenn das Asylverfahren noch läuft und die Geflüchteten nicht wissen, ob sie in ihre Herkunftsländer zurückkehren müssen.

Giordano weiß, dass einige der Porträtierten hoffen, mit der Teilnahme am Projekt im Asylverfahren ihre Homosexualität nachweisen zu können. Das müssen sie, wenn sie in Deutschland als Asylbewerber anerkannt werden wollen. Trotzdem glaubt er, dass die Motivation für viele woanders liegt: "Die Menschen wollen sich und ihre Gefühle sichtbar machen." Sie wollen ihr Gesicht zeigen. Sich die Würde zurückerobern, die ihnen in ihrer Heimat genommen wurde.

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