100 Jahre Räterepublik Die Schlacht um den Hauptbahnhof

Die siegreichen Kämpfer der Roten Armee posieren nach der Schlacht vor dem Portal des Hauptbahnhofs.

(Foto: SZ-Photo)

Am Palmsonntag 1919 wagen Konterrevolutionäre einen Coup gegen die Räteregierung. Anhänger der Revolution können den Putsch niederschlagen und rufen in München eine zweite, radikale Räterepublik aus.

Von Wolfgang Görl

Es ist der 13. April 1919. Palmsonntag. Schon seit langem kursieren Gerüchte über einen konterrevolutionären Putsch in München. Am 8. April hatten Flugzeuge Propagandablätter der nach Bamberg geflohenen Regierung Hoffmann abgeworfen, auf denen zu lesen war: "Werktätiges Volk Münchens! Willst Du Dich noch länger von verkommenen Literaten und Revolutionsbummlern terrorisieren lassen!"

Es braut sich was zusammen, das spürt auch Ernst Toller, der sofort hellwach ist, als ihn am frühen Morgen ein Anrufer mit der Nachricht weckt, es habe einen Putsch gegen die Räteregierung gegeben. Wenig später klingelt es an der Tür, ein Leutnant bittet um Einlass. Er ist Sympathisant der Revolution, der dem Dichter Toller, dem Chef der Münchner USPD und Vorsitzenden des Zentralrats, gern seine Uniform leiht, damit dieser, als Soldat getarnt, die Lage sondieren kann.

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Die Situation ist unübersichtlich. Was Toller unterwegs in Erfahrung bringt, ist eine Mixtur aus Tatsachen, Gerüchten und Vermutungen. Teile der Republikanischen Schutztruppe, eines 1800 Mann starken Freiwilligenverbands, der die Republik eigentlich verteidigen soll, rebellieren gegen die Räteregierung. Dahinter, so heißt es, stecke die Regierung Hoffmann in Bamberg, die jedem Soldaten 300 Mark versprochen habe, wenn er sich auf ihre Seite schlage. An den Hauswänden rund um den Bahnhof, den die Aufständischen unter ihre Kontrolle gebracht haben, kleben Plakate, die verkünden, der Zentralrat und die Räteregierung seien abgesetzt.

In der Stunde, zu der Toller die Lage erkundet, ist der Dichter und Anarchist Erich Mühsam bereits in der Gewalt der Konterrevolutionäre. Am frühen Morgen haben ihn Soldaten der Schutztruppe aus dem Bett geholt und zum Hauptbahnhof geschleppt. Die Putschisten, angeführt vom Schutztruppen-Kommandanten Alfred Seyffertitz, stürmen auch das Wittelsbacher Palais, in dem der Zentralrat der Räterepublik residiert. Zwölf Männer werden festgenommen, darunter der Volksbeauftragte für Äußeres, Franz Lipp, sowie seine Kollegen Fritz Soldmann (Inneres), August Hagemeister (Wohlfahrt) und der Wohnungskommissar Arnold Wadler. Auch diese Gefangenen werden zum Bahnhof gebracht und später ins Zuchthaus Ebrach gesperrt. Für kurze Zeit sieht es so aus, als wäre der Coup gelungen.

Doch noch sind maßgebliche Mitglieder der Räteregierung frei, etwa Ernst Toller und Gustav Landauer. Ebenso die kommunistischen Revolutionäre, die der Räterepublik die Gefolgschaft verweigert hatten. Allmählich formiert sich der Widerstand, am frühen Nachmittag kommt es in der Stadt zu ersten kleineren Scharmützeln zwischen Räteanhängern und Putschisten. Offenbar haben Seyffertitz und der Bahnhofskommandant Emil Aschenbrenner zu früh losgeschlagen, denn die Unterstützung durch auswärtige Truppen, die der Regierung Hoffmann ergeben sind und die unter dem Kommando des Militärministers Ernst Schneppenhorst in Ingolstadt auf den Einsatzbefehl warten, bleibt aus.

Auf der Theresienwiese versammeln sich mehrere tausend Menschen, um gegen den Putsch zu demonstrieren. Viele von ihnen sind bewaffnet. Zudem gelingt es den revolutionären Arbeitern und Soldaten, in den Stützpunkten der Schutztruppe zusätzliche Waffen zu erbeuten. Unter der Führung des ehemaligen Matrosen Rudolf Egelhofer ziehen die Demonstranten Richtung Hauptbahnhof, wo sich die konterrevolutionären Kämpfer verschanzt haben. Drei Unterhändler mit weißer Fahne, die mit der Schutztruppe verhandeln wollen, lässt Aschenbrenner niederschießen.

Spätestens in diesem Moment ist eine friedliche Lösung ausgeschlossen. Die Verteidiger der Räterepublik beginnen den Sturm auf den Bahnhof. In seinem Roman "Wir sind Gefangene" schildert Oskar Maria Graf, der mittendrin war, die Ereignisse so: "Von der Prielmayr-, von der Schützen-, Schiller- und Bayerstraße heraus liefen bewaffnete Massen andauernd Sturm gegen den feuerspeienden Hauptbahnhof, glitten brüllend und heulend wieder zurück und stürmten mit erneuter Erbitterung vor (...) Getroffene fielen um, Boden und Häuser zitterten, die Menge, in der ich steckte, wogte weiter vor mit den Stürmern und mit furchtbarem Geschrei in den krachenden Bahnhof." Am Ende des fünfstündigen Gefechts sind 17 Menschen - andere Quellen sprechen von 21 - tot und mehr als hundert verletzt. Doch die Räterepublikaner haben gesiegt, der Coup ist gescheitert. Seyffertitz und Aschenbrenner fliehen auf einer Lokomotive.

Noch während der Kämpfe hatten sich im Hofbräuhaus die Betriebs- und Soldatenräte versammelt. Als die Meldungen über die Ereignisse am Bahnhof eintreffen, schlägt die Stimmung um. Die Kommunisten, welche die bisherige Räterepublik als "Scheinräterepublik" abgelehnt hatten, geben ihre Zurückhaltung auf. Auf Vorschlag des Kommunisten Eugen Leviné erklärt die Versammlung die bisherige Räteregierung für abgesetzt. Man wählt einen Aktionsausschuss, dem neun USPD- und MSPD-Mitglieder sowie sechs Mitglieder der Kommunistischen Partei (KPD) angehören. Als oberstes Gremium fungiert ein vierköpfiger Vollzugsrat, dem unter anderen die KPD-Leute Eugen Leviné und Max Levien angehören.

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Was Leviné den meist sozialdemokratischen und anarchistischen Akteuren der ersten Räterepublik vorwirft, hatte er zuvor in der Roten Fahne geschrieben: "Alles wie sonst. In den Betrieben schuften und fronen die Proletarier nach wie vor zugunsten des Kapitals (...) Noch liegen die Kapitale in den Safes der Banken. Noch klappern die Kuponscheren der Kriegsgewinnler und Dividendenjäger. Noch üben in den Gerichten die königlichen Landgerichtsräte Klassenjustiz."

Demgegenüber wollen Leviné und seine Genossen kommunistische Reformen nach russischem Vorbild: Sozialisierung der Banken und Großbetriebe, Bewaffnung des Proletariats, der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. Doch dazu ist keine Zeit, es gilt jetzt, sich für den Gegenschlag zu rüsten. Die Räteregierung ruft den Generalstreik aus, der neue Stadtkommandant Egelhofer ordnet die Entwaffnung der Bourgeoisie an und rüstet die Arbeiter auf, um die Rote Armee zu stärken, die nun Toller befehligt.

Unterdessen bittet in Bamberg Ministerpräsident Johannes Hoffmann seinen SPD-Genossen, Reichswehrminister Gustav Noske, um militärische Unterstützung gegen die Räterepublik. Noske sagt die Hilfe zu. Gleichzeitig ruft Hoffmann die Bayern per Flugblatt zum bewaffneten Kampf auf: "In München rast der russische Terror, entfesselt von landfremden Elementen (...) Ihr Männer der bayerischen Berge, des bayerischen Hochlands, des bayerischen Waldes, erhebt euch wie ein Mann, sammelt euch womöglich mit Waffen und Ausrüstung in Euren Gemeinden und wählt Eure Führer (...) Die Münchner Schmach muss verschwinden. Das ist bayerische Ehrenpflicht."

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