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100 Jahre Räterepublik:Eine sozialistische Revolution in München

Truppenschau der 'Roten Armee' in München, 1919

Demonstrationszug von Räteanhängern in der Ludwigstraße vor dem ehemaligen bayerischen Kriegsministerium (li.) am Nachmittag des 22. April.

(Foto: SZ Photo)

Am 7. April 1919 greifen Arbeiter- und Soldatenräte nach der Macht. Doch weil sich die Kommunisten nicht anschließen, ist die junge Republik von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Am Tag des Umsturzes holen viele Arbeiter nicht die Waffen, sondern den Sonntagsanzug aus dem Schrank - dabei ist es ein Montag. Auf den Straßen fahren Lastwagen mit Soldaten, aber es wird nicht gekämpft. Familien flanieren auf den Trottoirs oder drehen eine Runde im Hofgarten. Die meisten bleiben wohl vor einer der Litfaßsäulen stehen, auf denen große rote Plakate kleben. "Baiern" sei von diesem 7. April an eine Räterepublik, heißt es dort. Die bisherige Regierung sei abgesetzt, und zu Ehren der neuen Staatsform werde an diesem Tag ein Nationalfeiertag ausgerufen.

Es ist ein schöner Tag. Die Sonne strahlt erstmals mit Frühlingskraft vom Himmel herab, die Gastgärten vor den Wirtshäusern sind schnell besetzt. Doch schon am Nachmittag gehen die Speisen und manchmal sogar das Brot aus. Wer zu spät kommt, muss sich mit einem Glas Bier, Limonade oder einer Tasse Kaffe begnügen. So beschreiben die Münchner Neuesten Nachrichten den historischen Tag. Sie stellen am Ende fest: "Im Reiche der irdischen Genüsse hatte aber auch die Räterepublik noch kein Paradies schaffen können."

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Von Paradies kann ohnehin keine Rede sein im München des Frühjahrs 1919, darüber darf auch der Zeitungsartikel nicht hinwegtäuschen. Für viele bedeutet ein Glas Bier im Wirtshaus puren Luxus. Die Zahl der Arbeitslosen ist hoch, die Menschen machen sich Sorgen, ob sie überhaupt etwas Vernünftiges in den Magen bekommen. Die junge Demokratie wackelt mehr als je zuvor. Ministerpräsident Johannes Hoffmann (SPD) fährt nach Berlin, um Hilfe zu organisieren, nachdem er die Räte der Arbeiter, Bauern und Soldaten mit der Einberufung des Landtags provoziert hat. Die Augsburger Arbeiter drohen mit Generalstreik, der Unmut bei den Menschen wächst. Vielleicht ist so zu erklären, dass der Großteil der Münchner die sozialistische Revolution erst mal hinnimmt.

So malerisch, wie die Übernahme der Macht durch den Zentralrat in der Zeitung geschildert wird, läuft sie nicht überall in München ab. Auf der Theresienwiese unterhalb der Bavaria, auf der eine rote Fahne weht, haben die Kommunisten am Vormittag des 7. April eine Volksversammlung einberufen. Etwa 2000 Menschen kommen, und schnell wird hier ein Grund deutlich, warum die Episode dieser Räterepublik eine kurze sein wird: Die Kommunisten machen nicht mit. Mehrere Redner geißeln die "Scheinsozialisten", die von oben herab eine Räterepublik aufgesetzt hätten, anstatt von unten nach oben die Macht zu übernehmen.

Die Anführer des Umsturzes haben bis zum Vorabend der Ausrufung um die Mitwirkung der Kommunisten gekämpft. Vergebens. Schließlich treffen sich der Zentralrat, Abgesandte der sozialistischen Parteien, der Gewerkschaften und des Bauernbundes zu einer letzten Besprechung im Palais der Wittelsbacher an der Ecke Brienner- und Türkenstraße. "Wo früher Zofen und betreßte Lakaien herumwedelten, stapfen jetzt die groben Stiefel von Arbeitern, Bauern und Soldaten, an den seidenen Vorhängen der Fenster des Schlafzimmers der Königin lehnen Wachen, Kuriere, übernächtigte Sekretärinnen" schreibt der Literat Ernst Toller.

Zwölf Posten, sogenannte Volksbeauftragte, soll der neue provisorische Zentralrat der Regierung umfassen. Die Idee der Räteherrschaft unterscheidet sich deutlich von den Ideen der parlamentarischen Demokratie. Die Volksbeauftragten erhalten ihre Macht durch die überregionalen Räte der Arbeiter, Bauern und Soldaten, die von den gewählten Basisgremien auf der untersten Ebene bestimmt werden. Bei Missfallen können die Beauftragten sofort durch Beschluss der Räte ausgetauscht werden, um Korruption und Machtmissbrauch zu verhindern. Anders als Parlamentarier sind Räte nicht nur ihrem Gewissen verpflichtet, sondern an das Votum ihrer Basis gebunden. Kapitalisten und Unternehmer sind von der Wahl ausgeschlossen, eine Gewaltenteilung wie in der bürgerlichen Demokratie gibt es nicht. Der Aufbau der Räteherrschaft erfolgt von unten nach oben.