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Radikalisierter vor Gericht:Einmal Dschihad und zurück

Prozess gegen mutmaßlichen Dschihadisten

Syrien-Rückkehrer Ufuk C. bespricht sich im Gerichtssaal mit seinen Anwälten Ömer Sahinci (rechts) und Roland Autenrieth.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Ufuk C. wollte als "Märtyrer sterben" und reiste dafür von München nach Syrien. Seine Erlebnisse dort passten nicht mit dem zusammen, was ihm Salafisten-Videos vermittelt hatten. Daher flüchtete er - und steht nun vor Gericht

Von Christian Rost

Ufuk C. ließ sich von Salafisten-Videos und von Hetzreden in einer Moschee radikalisieren und reiste nach Syrien, um für einen Al-Qaida-Ableger gegen das Assad-Regime zu kämpfen und den Märtyrer-Tod zu sterben. Soweit kam es nur deshalb nicht, weil er rechtzeitig nach München zurückkehrte - und am Flughafen verhaftet wurde. Seit diesem Donnerstag muss sich der 21-jährige Deutsch-Türke am Oberlandesgericht München verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm Mitgliedschaft in einer ausländischen Terror-Organisation und die Planung einer staatsgefährdenden Straftat vor.

Ufuk C. hat ein rundes, jugendliches, bartloses Gesicht und trägt ein weißes Hemd zu ausgewaschenen Jeans. Die Fernsehkameras im Gerichtssaal stören ihn nicht, im Gegenteil: Er lacht und genießt die Aufmerksamkeit. Ernster blicken seine Anwälte Ömer Sahinci und Roland Autenrieth drein, ihnen ist bewusst, was für den Angeklagten auf dem Spiel steht.

Laut Anklage hat sich C. von Anfang April 2014 bis zum 9. Juli 2014 vorwiegend in der Provinz Aleppo in Syrien aufgehalten, um sich der Vereinigung "Jabhat al-Nusra Li-Ahli Sham" (Unterstützungsfront für die Leute in Großsyrien, kurz: JaN) anzuschließen. Der Ableger von al-Qaida will einen Gottesstaat errichten und hat bei 1500 Anschlägen mindestens 8700 Menschen getötet. Um daran teilzunehmen, ließ sich C. an Schusswaffen ausbilden, leistete Wachdienste und beteiligte sich an der Herstellung von Videos, die zum Dschihad aufrufen. Was martialisch klingt in der Zusammenfassung der Bundesanwaltschaft, war aus Sicht des Angeklagten eher etwas wie "eine Fahrt ins Landschulheim", wie der Vorsitzende Richter des Staatsschutzsenats, Manfred Dauster, konstatiert.

Der Angeklagte stammt aus einfachen Verhältnissen, der Vater ist Metallarbeiter, die Mutter Hausfrau. Mit der Religionsausübung hat die in München lebende muslimische Familie nicht viel am Hut. Manchmal haben sich seine Mutter und eine seiner Schwestern an die Regeln im Fastenmonat Ramadan gehalten, manchmal nicht. Der Vater hielt sich fern von religiösen Riten. Ufuk C. kam erst spät mit dem Islam näher in Berührung. Etwa ein Jahr vor seinem Syrienaufenthalt begann er zu beten und eine Moschee in Milbertshofen zu besuchen. Frustrationsmomente im Leben eines Heranwachsenden gaben den Ausschlag. Er hatte nach einer mäßigen Schullaufbahn, wobei er schon in der Grundschule sitzen blieb, nur eine Lehrstelle als Bäckereifachverkäufer bekommen. Er kiffte, trank viel und litt an Perspektivlosigkeit, als er wegen einer Banalität zu Gott fand: Jugendliche waren an der Backstube, in der er arbeitete, mit Mopeds vorgefahren. C. ermunterte sie, ihre Kisten richtig hochzudrehen. Das störte die Nachbarn, die Polizei kam. "Ich dachte, jetzt gibt es Ärger wegen mir und fühlte mich schuldig. Deshalb betete ich. Es half." Die Polizei beließ es bei einer Ermahnung. C. schloss daraus, dass sein Gebet erhört worden war, und ging in der Folgezeit immer öfter in die Moschee, was seiner Familie missfiel.

Er ließ sich davon aber nicht abbringen, sah sich Salafisten-Videos an und fand gefallen an der Rappersprache der islamistischen Prediger. Nun glaubte C. zu wissen, was er wollte: Nach Syrien, um den dort kämpfenden Muslimen "zu helfen", wie er sagt: "Ich wollte als Märtyrer sterben." Mithilfe eines Freundes - gegen Harun K. wird ebenfalls ermittelt - gelangte er über die Türkei nach Aleppo. JaN-Aktivisten brachten ihn mit zehn weiteren Deutschen und Österreichern in einer Villa unter. "Ich habe für alle gekocht", erzählt C. Und er habe sich drei Wochen im Umgang mit einer Kalaschnikow - einem Sturmgewehr - ausbilden lassen. Ehe er in den Kampf geschickt werden konnte, trat er am Pool der Villa in eine Glasscherbe und musste ins Krankenhaus. Da bekam er zweierlei mit: Dass in Syrien Muslime nicht nur sogenannte Ungläubige bekämpfen, sondern sich auch gegenseitig bekriegen. Für C. passte das nicht in das Bild, das ihm die Salafisten-Videos vermittelt hatten. Dann erlebte er einen Luftangriff der syrischen Armee. C. spürte die Druckwellen der Bomben. "Da wusste ich, es wird kritisch." Er packte seine Sachen und machte sich über die Grenze zur Türkei davon. Am Flughafen München erwartete ihn die Polizei.

"Ich habe das alles auf die leichte Schulter genommen", sagt C. Rückblickend und muss zugeben, dass er vom Islam wenig Ahnung hat. "Der Koran hält zu Gewaltlosigkeit an", belehrt ihn Richter Dauster. Der Angeklagte: "Das habe ich nicht gewusst." Der Prozess wird fortgesetzt.

© SZ vom 10.04.2015
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