„In uns der Ozean“: Der neue Roman von Theresia GrawPionierin der Umweltschutzbewegung

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Rachel Carson in ihrer Bibliothek in Washington D. C. im März 1963.
Rachel Carson in ihrer Bibliothek in Washington D. C. im März 1963. (Foto: AP / Bon Schultz)

Rachel Carsons Publikation aus dem Jahr 1962 wurde zur Initialzündung für eine weltweite Umweltbewegung: Die Münchner Autorin Theresia Graw erzählt in ihrem Roman „In uns der Ozean“ die Geschichte ihres Engagements.

Von Anna Steinbauer

Ihr Kampf beginnt mit einem toten Vogel und endet 1972 mit dem gesetzlichen Verbot von DDT in den USA, einem der toxischsten Schädlingsbekämpfungsmittel, die es jemals gab: Als Rachel Carson bei einem Spaziergang mit ihrem Neffen einen toten Spatz findet, wird sie misstrauisch. Kurz zuvor hatten Sprühflugzeuge die Landschaft großflächig mit dem neuartigen, als Wundermittel gefeierten chemischen Pflanzenschutzmittel übersäht. Die Meeresbiologin beginnt zu recherchieren, Fakten zum seltsamen Insekten- und Tiersterben zusammenzutragen, Experten zu konsultieren und schreibt daraufhin eine der wichtigsten Publikationen des 20. Jahrhunderts.

„Der stumme Frühling“ heißt der 1962 veröffentlichte Bestseller, der die Geschichte der USA veränderte und zur Initialzündung für eine weltweite Umweltschutzbewegung wurde. In diesem warnt Carson vor den katastrophalen Folgen eines rücksichtslosen Umgangs mit der Natur und vor den verheerenden Folgen von Pestiziden für das ökologische Gleichgewicht. Das Buch wurde ein bahnbrechender Erfolg; es bewegte nicht nur die Bevölkerung, sondern zwang auch die Politik zum Umdenken und zur Handlung.

Die beeindruckende Lebensgeschichte der 1907 geborenen Rachel Carson nimmt die Münchner Autorin Theresia Graw als Ausgangspunkt für ihren neuen Roman „In uns der Ozean“. Sie zeichnet das lebhafte Porträt einer für ihre Zeit unkonventionellen und mutigen Frau, die als Vorreiterin des Nachhaltigkeitgedankens gilt.

Nachdem Carsons Vater stirbt, ist die junge Doktorandin gezwungen ihre wissenschaftliche Karriere zu beenden, um ihre Familie zu finanzieren. Trotz einiger Schicksalsschläge findet die leidenschaftliche Forscherin einen Weg, ihre Liebe zur Naturwissenschaft in eine andere Form zu gießen: Sie beginnt Geschichten über das Meer zu schreiben, die zunächst im Radio und später in namhaften Zeitungen und als Bücher erscheinen, mit denen sie bald Hunderttausende Menschen erreicht.

Die Münchner Autorin Theresia Graw hat sich tief in das Leben von Rachel Carson gegraben.
Die Münchner Autorin Theresia Graw hat sich tief in das Leben von Rachel Carson gegraben. (Foto: Bianca Taube)

Carson, so legt es Graws Buch nahe, ist so erfolgreich, weil sie es schafft, naturwissenschaftliche Kenntnis poetisch zu verpacken und in ihren Texten das Staunen über die Welt und das Wunder des Lebens zu vermitteln. So entsteht das Bild einer engagierten Umweltschützerin, die es in der Verantwortung des Menschen sieht, sich gegen blinden Fortschrittsglauben zu wehren. „Wahre Wissenschaft fragt immer auch nach den Folgen. Für mich bedeutet Fortschritt nicht größer, schneller, billiger – sondern vor allem klüger zu werden“, sagt die Biologin im Roman.

Spätestens mit der Veröffentlichung des „Stummen Frühlings“ wurde Carson zur Berühmtheit – in den USA und darüber hinaus. Biografische Details hat Graw genau recherchiert, auch Zeitungsartikel und Briefe von Carson werden zitiert. Ganz nebenbei aber nicht beiläufig erzählt die Münchner Autorin auch eine queere Liebesgeschichte, die sich zwischen Carson und ihrer Nachbarin Dorothy Freeman entspinnt, mit der sie ihre Leidenschaft zur Naturbeobachtung teilt. Eindrücklich schildert Graws Roman die Schwierigkeiten, als Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den männerdominierten Naturwissenschaften ernst genommen zu werden.

Frauenfeindliche Reaktionen lauerten überall. Besonders deutlich wird das in einem fiktiven TV-Duell zwischen der Wissenschaftlerin und einem Vertreter der Chemieindustrie, der Carson als hysterische Umwelttrutschel abtun will, weil er den Verlust seines Milliardengeschäfts mit DDT fürchtet. Es gelingt ihm nicht – die gesamte amerikanische Öffentlichkeit liegt Carson nach ihrem   ergreifenden Plädoyer für die Natur zu Füßen. Stumm ist von diesem Zeitpunkt an keiner mehr. Dem DDT ist der Kampf angesagt und das Vogelzwitschern den künftigen Generationen gesichert.

Theresia Graw: „In uns der Ozean“, Verlag List Hardcover, 384 Seiten, 22,99 Euro

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