bedeckt München 22°
vgwortpixel

Gender:Regenbogen und Gipfelkreuz

Eisbruggsee in Südtirol, 2016

Bergsport ist oft eine männlich aufgeladene Angelegenheit, heißt es vom DAV. Das soll sich ändern, zumindest ein bisschen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein junger Mann hat die erste Veranstaltung des Deutschen Alpenvereins für homo-, bi- oder transsexuelle Jugendliche mitbegründet. Für das Treffen hat sich auch eine Herberge des Alpenvereins den Bedürfnissen ihrer Gäste angepasst - und die Toilettenschilder überklebt.

"Witzig: Nachdem ich weggezogen bin, war das Erste, was ich hier vermisst habe, in die Berge zu gehen", sagt Lukas Reußner, der es seit seiner Kindheit in Ebersberg nicht anders gewohnt war. Doch die Alpen haben ihn nicht losgelassen, und auch der Deutsche Alpenverein (DAV) hat nun auf ihn gesetzt: Reußner sollte die erste Veranstaltung des DAV mitorganisieren, die sich an queere Jugendliche richtet; also an solche, die homo-, bi- oder transsexuell sind (LGBT).

Der 28-Jährige hat dafür das Team des Münchner Jugendzentrums "Diversity" mobilisiert, in dem er lange ehrenamtlich tätig war. So kamen aus ganz Deutschland an jenem Jahrestag im Mai, an dem 1990 die Homosexualität von der WHO-Liste der Krankheiten gestrichen wurde, Jugendliche ab 16 Jahren im Allgäu zum "Queerfeldein" zusammen.

Berge Berge bezwingen und schützen
150 Jahre DAV

Berge bezwingen und schützen

Einst als elitärer Club gegründet, hat der Deutsche Alpenverein heute 1,3 Millionen Mitglieder. Seine Ziele sind widersprüchlich.   Von Dominik Prantl

"Lukas hat Dinge eingebracht, an die wir überhaupt nicht gedacht hätten", erzählt Hanna Glaeser vom DAV. Dazu gehört, dass vom ersten Tag an auf den Namensschildern das jeweilige Pronomen steht, mit dem eine Person angesprochen werden möchte. Es mag für Außenstehende befremdlich klingen, für jene Menschen hingegen, die einem falschen Geschlecht zugeordnet würden, bedeutet das Pronomen so viel wie der eigene Vorname. Verwechslungen passieren auch noch in dem bemühtesten Umfeld - die Hauptsache ist einfach, sie werden dann korrigiert.

In den Bergen geht es an dem Wochenende weit weniger umsichtig zu. Die eine Gruppe brettert den ganzen Tag auf Mountainbikes von Hütte zu Hütte und an Abgründen entlang. Die andere stapft jenseits der Wegabsperrungen durch den knöchelhohen Schnee und trägt dabei stolz einen Regenbogen, das Symbol für Vielfalt und Toleranz, als Flagge bergaufwärts. Auch in einigen Gipfelbüchern kleben jetzt Regenbogen-Marken.

"Bergsport ist historisch eine patriarchale, männlich aufgeladene Angelegenheit", sagt Hanna Glaeser aus der Bundesjugendleitung des Vereins, "da kommt leider auch heute noch manch sexistischer Mist bei heraus." Zum 150. Jubiläum des Deutschen Alpenvereins und nach 100 Jahren mit seiner Jugendorganisation soll das "Queerfeldein" ihm einen neuen Anstrich verpassen.

Rein statistisch war klar, dass von 2500 Jugendleiterinnen und Jugendleitern auch eine große Zahl homo-, bi- oder transsexuell ist. Die einzelnen Namen derer, die sich zu diesem Anlass nun outeten, auf der Anmeldungsliste zu lesen, war für Glaeser trotzdem eine Überraschung. Der Erfolg rührt selbst eingefleischte Alpinisten wie Thomas Michel, der sich bei den älteren DAV-lern für queere Belange einsetzt. "Es gibt niemanden, der im DAV irgendeine Verantwortung trägt und der jetzt nicht schon von dieser Veranstaltung gehört hätte", sagt Michel.

Monika und Fabian, die wie viele andere in der Gruppe ihre Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollen, bremsen ihre Mountainbikes quietschend auf dem Felsgeröll ab. Sie machen beide normalerweise einen großen Bogen um die queere Szene, zumindest in ihrer Heimat. "Manchmal hat das alles einfach etwas Aufgesetztes", sagt Fabian.

"Wenn sich Leute nur anhand ihrer geteilten Sexualität zusammentun, finde ich das auch suspekt", sagt Monika, die ihrer Berliner Jugendgruppe fernbleibt, weil diese in einen Fetisch-Club geht. "Da würde ich lieber Leute treffen, die gern in den Bergen unterwegs sind, so wie ich." Das "Queerfeldein" ist ein Angebot für die Introvertierten. "Warum soll ich auf einer Party Leute kennenlernen", fragt Alina, "wenn ich da dann nur solche Leute treffe, die gerne auf Partys gehen?"

Auch die Herberge des Alpenvereins hat sich den Bedürfnissen ihrer Gäste angepasst und dafür die Toilettenschilder überklebt. Alle Badezimmer sind jetzt für alle da, das zeigt das Piktogramm mit dem nur halben Kleid auf einer Seite.

"Ich weiß bisher nur, dass ich jedenfalls nicht heterosexuell bin"

Dass das "Queerfeldein" also in einer Art Blase stattfindet, mag schon sein. Aber während andere queere Diskurse in Deutschland überhaupt nur einem elitären Kreis angeboten werden, bildet die Gruppe der Teilnehmenden hier die ganze Bandbreite von LGBT ab. So sind auch Jugendliche dabei, die die Schule abgebrochen haben oder die gerade zwischen Ausbildungen sind; die in mehr als einer Hinsicht noch den richtigen Platz für sich suchen.

"Der Hauptteil der Jugendarbeit ist das Zuhören. Denjenigen Leuten Zeit zu geben, die in ihrer Findungsphase sind", sagt Lukas Reußner. Als Dank für sein fünfjähriges Engagement im "Diversity" wurde er dort vor Kurzem zum Ehrenmitglied ernannt. In dieser Zeit leitete er eine Jugendgruppe. Als Medienreferent baute er dem Jugendzentrum eine stimmige Identität on- wie offline auf, um mehr Reichweite zu generieren - selbst aus der Schweiz reisen heute Besucher an. Außerdem trägt es seine Handschrift, dass das "Diversity" mittlerweile die größte Parade-Gruppe beim alljährlichen Münchner Christopher-Street-Day stellt: einen Truck, von dem Musik und politische Botschaften schallen, statt wie vormals ein Auto plus Bollerwagen.

Einer, der sich noch in seiner Findungsphase sieht, ist Paul, 19. In dem Kennenlernspiel zu Beginn des Wochenendes kann er sich als einziger in keiner der Ecken des Raumes verorten, die mit verschiedenen sexuellen Orientierungen überschrieben sind, steht dann aber trotzdem ziemlich selbstbewusst im Raum herum. "Ich weiß bisher nur, dass ich jedenfalls nicht heterosexuell bin", sagt Paul, seit mehr als zehn Jahren ein festes Mitglied im DAV. "Ich brauche eigentlich auch kein Label dafür, was ich sonst bin", sagt er cool und zuckt mit den Schultern. "Aber dass es jetzt diese Sache hier gibt, das hilft mir wirklich total."

Job Sich outen und arbeiten

Sexualität im Job

Sich outen und arbeiten

Eine Karrieremesse in Berlin speziell für Homosexuelle und Transgender - wozu ist das gut? Ein Rundgang mit dem Gründer Stuart Cameron, der von Kollegen als "Schwuchtel" beschimpft wurde.   Von Verena Mayer

  • Themen in diesem Artikel: