Kritik:Beglückt

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Das Quatuor Ébène gibt gemeinsam mit dem Bratscher Antoine Tamestit ein überwältigendes Konzert im Herkulessaal.

Von Klaus Kalchschmid

Was ist schöner als eine Bratsche? "Zwei Bratschen", möchte man antworten, wenn das Quatuor Ébène im Herkulessaal das Doppel von Wolfgang Amadé Mozarts Streichquintetten in C-Dur KV 515 und g-Moll KV 516 spielt und sich seines Freundes Antoine Tamestit als "Mitstreiter" versichert. Doch dieses Wort trifft haarscharf daneben, denn Harmonie und vollendetes Zusammenspiel des Quintetts sind überwältigend. Dabei mussten die Franzosen, die 2004 wie er mit dem ersten Preis beim ARD-Musikwettbewerb auf diesem Podium ihre beispiellose Weltkarriere starteten, auf ihren Cellisten Raphaël Merlin verzichten, der sich vor ein paar Wochen den Ellenbogen gebrochen hat. Aber Landsmann Yan Levionnois vom Quatuor Hermès ist weit mehr als ein Ersatz und fügt sich traumwandlerisch sicher ein.

Trotzdem muss erst einmal die Rede sein von Pierre Colombet: Denn die agogische Freiheit und die Lust, mit der er als Primgeiger weniger führt, als inspiriert und anspornt, manchmal auch bremst oder sich anpasst, das hat etwas Magisches. Takt für Takt, Phrase um Phrase, Satz für Satz ereignet sich, ja es gibt kein anderes Wort dafür, "Beglückendes"!

Oft herrscht ein natürlich modulierender Fluss, dann wieder werden Akzente scharf gesetzt, oder es leuchtet eine harmonische Wendung zauberisch. Die beiden Finali werden nicht "Allegro" gespielt, sondern elektrisierend vorwärtsdrängend "Allegro molto vivace", und die erste Geige ist immer kurz davor abzuheben. So traumhaft das Duett zwischen Colombet und Bratscherin Marie Chilemme im Andante des C-Dur-Quintetts auch singt, das berückende Konzert erlebt seinen Höhepunkt nach der Pause: Derart warm, samten und verhalten hat man das "Adagio ma non troppo" des g-Moll-Quintetts noch nie gehört, und der Schlusssatz mit den gezupften Tönen des Cellos klingt wie Schubert.

Am Ende spielen die Fünf so aufgekratzt, als wären sie 17 Jahre jung wie Mozart, als er sein erstes Quintett komponierte, den Kopfsatz von KV 174. Ovationen!

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