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Putten und Barbies:Die wundersame Welt von Nikolaus Keller

Nicolas Keller ist Künstler und Gestalter zahlreicher Bars in München.

(Foto: Catherina Hess)

Der Künstler und Bühnenbildner hat sich in unzähligen Münchner Bars und Clubs verewigt.

Nikolaus Keller hat dank seines weißen Bartes tatsächlich Ähnlichkeit mit seinem Namenspatron, der am 6. Dezember Stiefel mit Süßigkeiten und Mandarinen befüllt. Kleine Kinder fragen ihn oft mit großen Augen: "Bist du es wirklich?" Statt einer Bischofsmütze trägt Nikolaus Keller aber meist ein Tuch um den Kopf gebunden, blau wie seine Augen. Das hält ihm den Staub aus den Haaren. Hemd und Hose sind voller Farbspritzer.

Die Familie hat ihm eher wenig Spiritualität, dafür eine stattliche Portion Kreativität vererbt. Der Urgroßvater war Kirchenbildhauer, die Mutter Zeichentrick-Koloristin und Buchillustratorin. Der Vater eigentlich Unternehmensberater, vor allem aber "ein pathologischer Bastler", immer mit der Säge zugange. Bei Nikolaus Keller gibt es kein "eigentlich". Er ist pathologischer Bastler in Vollzeit. Beinahe das halbe Münchner Nachtleben hat er zusammengebaut, wenn man so will. Am Sendlinger Tor dreht er sich einmal im Kreis und deutet mit dem Finger mal in die eine, mal in die andere Richtung.

Sein neuestes Werk, die Senatore Bar, ist voller schwarzhumoriger Putten, wie sie typisch für Keller sind: Da hält eine den aufgespießten Kopf König Ludwigs in der Hand, die andere ein Maschinengewehr, manchen leuchtet der Penis als Glühbirne. Ähnliche Engelchen finden sich ein paar Häuser weiter im Club Harry Klein. Im Hostel Gspusi hat er die Bilder gemacht, im Beverly Kills, Café Mozart, Maxe Belle Spitz, Lucky Who manchmal ein paar Details, manchmal die ganze Einrichtung, die Weißwurstbilder aus dem Bufet am Hauptbahnhof sind von ihm wie auch die Wodka pinkelnde Barbie im Café Kosmos nebenan, im Hutong Club und im Drunken Dragon hat er mitgearbeitet, die neue Bar Frauen komplett gestaltet. "In letzter Zeit war ich recht fleißig", sagt Keller da nur.

Mitgestaltet hat Keller etwa das Maxe Belle Spitz.

(Foto: Stephan Rumpf)

Von seiner Wohnung in der Au, die eigentlich so etwas wie sein zweites Lager ist, radelt der 53-Jährige mit seinem Elektrolastenfahrrad gegen Vormittag in seine Werkstatt in Giesing und verbringt dort den ganzen Tag. Wenn das Wetter schön ist, stellt er sich eine Bank vor die Tür und arbeitet dort, drinnen gibt es kein Tageslicht. Es ist eine ehemalige Schlachterei. Davor hat Keller in einer ehemaligen Wursträucherei gearbeitet und auch schon mal in einer Darmwäscherei. Dabei isst er nicht einmal Fleisch. "Da sind noch die Schienen an der Decke und die Haken, mit denen die Schweineteile da rumgeschoben worden sind", sagt Keller. "Andere kriegen da Zustände. Aber ich mag das, wenn in den Räumen schon mal richtig gearbeitet worden ist."

Aus Gartencenter-Kitschfiguren und Flohmarkt-Fundstücken macht er hier seine wundersamen Dekorationen. Für das Café Bangkok hat er hier die Segmente der schwer und antik anmutenden Kolonialstil-Möbel gefertigt, bevor er sie in der Bar zusammengesetzt hat. Meistens finden sich versteckte Anspielungen und Scherze an seinen Arbeiten, ein Illuminati-Auge hier, eine Fratze da. Keller mag den Gedanken, dass auch Stammgäste bei jedem Besuch noch etwas Neues entdecken können. Manchmal fertigt er auch Möbel für Privatpersonen, die sich etwas Extravagantes wünschen. Meistens aber arbeitet er für Bars, Cafés und Clubs.

Für eine der ersten Bars im Kunstpark, den Vorgänger der Cohibar, hatte er eine riesige Glaswand gebaut, mit Pflanzen dahinter. "Und wenn man was macht, das ganz in Ordnung ist, dann sehen das andere." Die anderen Gastronomen wollten ähnlich coole Lokale und beauftragten Nikolaus Keller. Nach der Schule hatte er schon Möbel gebaut und landete auch für kurze Zeit beim Film, als Bühnenbauer bei der Bavaria. Aber besonders wohl fühlte er sich dort nicht, "ich wusste gleich, dass ich mit den Leuten dort nicht bis an mein Lebensende zusammenarbeiten möchte". Die Gespräche drehten sich damals vor allem darum, wer am Wochenende wie viele Frauen und Champagnerflaschen hatte. "So viel konnte ich da noch nicht trinken."

Dass er aber weiter gestalten wollte, das war ihm klar. Sein Vater hatte ihn einmal gefragt, ob er die Fassade des Hauses nicht ein bisserl verschönern wollte. Nikolaus bastelte ein paar Figürchen hin, und als das Haus verkauft und abgerissen wurde, musste die Fassade erhalten bleiben - Denkmalschutz. Wenn Nikolaus Keller solche Anekdoten erzählt, schleicht sich dieses hintersinnige Lächeln in sein Gesicht, das so gut zu seinem trockenen Humor passt. Seine jüngere Tochter zum Beispiel treibt er damit gern in den Wahnsinn, wenn er mit ihr Topmodel anschaut, Heidi Klum beschimpft und die Tochter sich wiederum darüber aufregt. Wegen ihr liegt gerade Kellers Handy auf dem Tisch. Ein ganz normales, kein Smartphone, "aber nur, weil ich zu blöd dafür bin". Die Jüngere ist 15, heute ist die Deutschprüfung für die mittlere Reife. Er wartet darauf, dass sie anruft und erzählt, wie es gelaufen ist. Die andere Tochter ist zehn Jahre älter und Hebamme. Kreative Gene haben die beiden auch mitbekommen: "Sie sind krankhafte Wohnungsumräumer", sagt Keller, "ich habe schon überlegt, ob ich ihnen ein bisschen helfe und ihre Möbel mal heimlich festschraube."

Er sitzt in der Senatore Bar, tagsüber, bei einem Glas Wasser. "Mir ist etwas für die Leuchter eingefallen", sagt er zu Wirt Michael Dietzel. Die Senatore Bar hat ihr Eröffnungswochenende gerade hinter sich, und die Arme der Leuchter, die noch von dem Vorpächter stammen, einem pompösen italienischen Restaurant, haben sich als zu filigran für den Nachtbetrieb erwiesen. Einer ist jetzt nach unten verdreht. Käfige wollten sie erst davor bauen, aber Keller ist gerade eine Lösung eingefallen, die den Charme der Leuchter besser wahrt. Verbringt man Zeit mit ihm, wird schnell klar, warum er ein so beliebter Gestalter des Nachtlebens ist. Es liegt ihm mindestens genauso viel wie den Wirten daran, dass der Laden toll aussieht. Wie viel Zeit er in die Senatore Bar gesteckt hat, genau kann er das nicht sagen. "Zwei Monate Vollgas" eben, und wenn viel zu tun ist, sitzt er open end statt bis 19 Uhr in seiner Giesinger Werkstatt. Arbeit, das ist für ihn das, was jeden Urlaub überflüssig macht, weil er nichts lieber tut, als in seiner Werkstatt zu sitzen und zu basteln. "Und den geschäftlichen Teil habe ich mit 80, 85 Jahren vielleicht auch gelernt."

Eine Putte von Nikolaus Keller findet sich in der Senatore Bar.

(Foto: Catherina Hess)

Manchmal geht das auch schief. Mindestens einmal im Jahr, wenn ein Lokal, das er gestaltet hat, sich verkalkuliert hat. Meistens sind es GmbHs, meistens ist Nikolaus Kellers Honorar gemeinsam mit dem Lokal dahin. Dann wird es eng bei ihm, obwohl er bescheiden lebt, "aber einem Schreiner oder Glaser kann das genauso passieren. Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, etwas anderes zu machen."

Etwas einsam sind sie natürlich manchmal, die langen Tage in der Werkstatt. "Wenn ich dann rausgehe, schwatze ich mit jeder Pudel-Oma. Und seit ich nichts mehr sehe" - auf seinem Kopftuch balanciert er manchmal gleich zwei Brillen mit Sehstärke aus dem Ein-Euro-Shop -, "lache ich sowieso jeden an, und die Leute denken dann, ich kenne sie."

Dass er sonst kaum Freizeit braucht, nervt Freunde und Familie zwar, aber sie haben sich daran gewöhnt. Und manchmal hat Nikolaus Keller auch Gesellschaft bei der Arbeit. 30 Jahre lang war er mit der Mutter seiner Kinder zusammen, heute leben sie getrennt. Und Keller ist (wieder) mit der Frau zusammen, die er als 15-Jähriger mal fragte, ob sie seine Freundin sein wollte, "zu meinem Erschrecken hat sie Ja gesagt". Sie lebt in Berlin. Manchmal fährt er sie besuchen, manchmal kommt sie nach München. "Und dann bastelt sie ganz gerne mit mir in der Werkstatt."

© SZ vom 16.05.2018/khe

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