Maria Aljochina in München:Pussy-Riot-Musikerin: Deutschland "sponsert" den Ukraine-Krieg

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Maria Aljochina in München: Heißer Auftritt mit kalter Dusche für das Publikum: Die Pussy Riots - hier Olga Borisova - bei ihrem Auftritt in den Kammerspielen.

Heißer Auftritt mit kalter Dusche für das Publikum: Die Pussy Riots - hier Olga Borisova - bei ihrem Auftritt in den Kammerspielen.

(Foto: Florian Peljak)

Vor wenigen Wochen floh Maria Aljochina spektakulär aus Russland. Nun gab sie in München in den ausverkauften Kammerspielen ein Konzert - und sprach vorher über ihr Heimatland und den Westen.

Von Mareen Linnartz

Zehn Jahren ist es her, dass Maria Aljochina mit bunter Sturmhaube und anderen Frauen von der Punk-Band Pussy Riot die Moskauer Erlöserkirche stürmte und vor dem Altar "Jungfrau Maria, vertreibe Putin!" skandierte. Sie wurde dafür zu knapp zwei Jahren Straflager verurteilt, landete wegen Protesten gegen Putin allein im vergangenen Jahr sechsmal im Gefängnis, ging immer wieder in den Hungerstreik, stand mehrmals unter Hausarrest. Aus dem ist sie nun vor wenigen Wochen über Belarus nach Litauen geflohen, verkleidet in einer kermitgrünen Uniform eines Moskauer Essenslieferdienstes, in der Warmhaltebox auf dem Rücken das Nötigste verstaut. Die Bilder dieser Maskerade in die Freiheit sind wohl schon jetzt ähnlich ikonografisch wie die damals in der Erlöserkirche.

Der Grund für die Flucht wird Aljochina in Interviews seitdem nicht müde zu betonen, sei vor allem einer gewesen: Auf Tour zu gehen und der Welt zu erzählen, was sie zu lange nicht hören wollte, nämlich wie brutal und skrupellos Putin ist.

Beim Auftritt in den ausverkauften Kammerspielen am Dienstagabend macht sie das nochmal unmissverständlich klar. In weißem Kleid und gelber Sturmhaube stürmt sie zu Beginn auf die Bühne. Hinter Aljochinas wütendem Sprechgesang fangen auf einer Leinwand Filmsequenzen an zu laufen, und sie zeigen vor allem einen Mann: Putin.

Wenige Stunden zuvor gab sie eine Pressekonferenz. Pressekonferenz ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, denn statt lauwarmen Verlautbarungen und gefälligen Statements klagt sie an, macht Pausen, ringt um Worte.

Unfassbar sei es, dass Deutschland immer noch Öl und Gas aus Russland importiere und dadurch den Krieg "sponsort". Als geradezu schockierend empfinde sie es, wie nach der Krim-Annexion 2014 westliche Politiker und Politikerinnen weiterhin Putin die Hände schüttelten, als sei nichts passiert. Ein Mann, der seine Gegner immer gnadenloser bekämpft. Eine Freundin von ihr, erzählt Aljochina dann noch, wurde gerade zu mehr als fünf Jahre Haft verurteilt, weil sie Supermarktpreisschilder mit Infos über das Morden in Mariupol beschriftet hatte.

Zart wirkt Aljochina, aber auch unglaublich konzentriert. Um den Hals zwei Ketten, ein Kreuz, ein weißer Stein, vor sich eine Packung Gauloises. Über dem Knöchel hat sie ihre Fußfessel angelegt, die sie tragen musste, als sie unter Arrest stand. Ein Symbol: Sie will damit an all die anderen Aktivisten erinnern, die nicht so prominent wie sie sind und nun in Russlands Gefängnissen sitzen. Sie sei übrigens nicht ausgewandert. Sie plane, in ihre Heimat zurückzukehren. Nur wann, das vermag die 33-Jährige nicht zu sagen.

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