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Pulse of Europe:"Dieses Europa-Bashing nervt mich"

Claire Staudenmayer, hier bei einer Demo im Herbst 2017, arbeitet für einen französischen Abgeordneten, der Auslandsfranzosen in der EU vertritt.

(Foto: Robert Haas)

Claire Staudenmayer, Organisatorin bei Pulse of Europe in München, über die Gründe, warum ihre Initiative gerade etwas unsichtbar ist

Interview von Elisa Schwarz

Wer erinnert sich noch an die blauen Fähnchen auf dem Odeonsplatz? Die vielen Menschen, die einmal im Monat auf die Straße gingen, Reden hielten, Lieder sangen - für Europa? Um die Bewegung Pulse of Europe ist es still geworden. Dabei ist die Frage, wie wir in der EU zusammenleben wollen, aktueller denn je: Geschlossene Grenzen, alte Feindbilder, plötzlich gibt es wieder ein "wir" und "die anderen". Wo also ist Pulse of Europe? Claire Staudenmayer, 50, ist seit 2017 Organisatorin der Bewegung in München. Die Deutsch-Französin arbeitet hauptberuflich für einen französischen Abgeordneten, der Auslandsfranzosen in der EU vertritt. Während des Interviews ist sie gerade unterwegs auf einem Segelboot. Dort, weit draußen auf dem Wasser, könne sie am besten entspannen, sagt sie.

SZ: Frau Staudenmayer, gibt es Pulse of Europe München eigentlich noch?

Claire Staudenmayer: Klar!

Man hört gerade sehr wenig ...

Was an den aktuellen Corona-Maßnahmen liegt. Pulse of Europe lebt von Bildern: der volle Odeonsplatz, Menschen, die mit Fähnchen wedeln, Rednerinnen auf der Bühne - das alles ist im Moment ja nicht möglich.

Müsste Pulse of Europe nicht gerade jetzt sichtbar sein? Grenzkontrollen, neue Ressentiments - das Image von Europa ist ja ziemlich ramponiert.

Ja, Europa ist gerade natürlich ein Riesenthema. Ich war schockiert, als die Grenzen geschlossen wurden, zumal es so wirkte, als hätten sich die Länder gar nicht abgesprochen, wann genau die Grenzen geschlossen werden sollen. Als Datum für die Grenzöffnung nannte Horst Seehofer den 15. Juni, Christophe Castaner, der französische Innenminister, sprach von Juli. Aber: Danach haben die EU-Länder gute Entscheidungen getroffen, worüber kaum gesprochen wird. Stattdessen geht es nur um das vermeintliche Versagen der EU, und dieses Europa-Bashing nervt mich.

Wie meinen Sie das?

Wenn man sich mal anschaut, was in den USA oder China los ist, zeigt sich, dass in Europa vieles richtig gemacht wurde. Wir haben keinen autoritären Staat, der Zahlen manipuliert oder Verschwörungstheorien über Impfstoffe in die Welt setzt. Stattdessen hat der europäische Rat im Juli einen großen Wiederaufbauplan verabschiedet. Das zeigt doch, wie stark Europa ist.

Dann ist die Corona-Krise doch auch eine Chance für Pulse of Europe. Wenn sie sich nicht versammeln können, haben sie über andere Lösungen nachgedacht? Im Internet zum Beispiel?

Ja, wir hatten während des Lockdowns ein digitales Bürgerforum gestartet, bei dem es allerdings nicht um Corona speziell ging, sondern um die EU-Ratspräsidentschaft.

Und was wollten die Bürgerinnen und Bürger dazu wissen?

Viele wollten wissen, wann das Einstimmigkeitsprinzip im Parlament abgeschafft wird, damit nicht alle Entscheidungen in der EU einstimmig getroffen werden müssen. Diese Regelung blockiert vieles.

Klingt nach einem ziemlichen Nischenthema für die Bildungselite.

Na ja, Pulse of Europe ist zumindest in München auch eine Bewegung der älteren, gebildeteren Mittelschicht. Auch das wollen wir ändern: Diverser werden und auch jüngere Leute ansprechen, eben durch Social-Media-Projekte.

Haben Sie schon konkrete Ideen?

Nein, wir werden uns im September aber zusammensetzen und über neue Ideen sprechen. Dann hoffentlich auch wieder in Person.

Man hatte schon vor der Krise den Eindruck, dass der Puls von Pulse of Europa ein bisschen eingeschlafen ist.

Ich glaube, dass es extrem viel Kommittent erfordert, jeden ersten Sonntag im Monat bei Wind und Wetter auf einem Platz zu stehen und für ein sehr abstraktes Thema zu demonstrieren. Das ist nicht wie bei einer Demo für bezahlbare Wohnungen, wo die Menschen konkret betroffen sind und dafür auch mal auf die Straße gehen. Pulse of Europe braucht Emotionen und große Events: Brexit, die Europawahl 2019, erstarkender Rechtspopulisten - all das waren greifbare Themen, um die Menschen auf die Straße zu bringen.

Sie sind bei Pulse of Europe unter anderem für die Akquise von Rednerinnen und Rednern zuständig. Wen würden sie gerne mal einladen?

Ich fände es großartig, wenn sich berühmte Münchner bei Pulse of Europe zu Europa bekennen würden. Spieler des FC Bayern wie Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, David Alaba, Opernsänger wie Jonas Kaufmann oder auch Schauspieler wie Elyas M'Barek.

© SZ vom 04.09.2020
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