Für Bayern 3 ist eine Künstlerin wie Nina Chuba ein Geschenk: Sie ist jung, erfolgreich, ihre Lieder haben deutschsprachige Songtexte. Gerade hat der Sender das ausverkaufte Konzert in der Münchner Olympiahalle präsentiert – Musikförderung, das kommt gut an bei einem jungen, kulturaffinen Publikum. Besonders, wenn sich der BR auch noch als Entdecker feiern lassen kann. Immerhin hat der BR-Sender „Puls Radio“ Nina Chuba schon zu Beginn ihrer Karriere gefördert. Wohlgemerkt vor 2022, als die junge Frau aus Berlin noch Englisch sang – bei Puls Radio. Bereits Ende 2021, also weit vor „Wildberry Lillet“, Nina Chubas Durchbruch, hatte Puls-Moderator Fridolin Achten der Sängerin eine große Karriere prophezeit. Er behielt recht.
Jetzt, Ende 2025, wird Puls Radio eingestellt.
Das Ende kommt nicht überraschend. Es war für Ende 2026 angekündigt, wurde nun aber auf Ende 2025 vorgezogen – für die bayerische Musikszene ein Schock. Ein offener Brief an die Geschäftsleitung des Bayerischen Rundfunks wurde aufgesetzt. Es wurde in dem Schreiben gewarnt vor einer Schwächung der „kulturellen Vielfalt“ und der „demokratischen Stabilität“. Puls Radio, so heißt es in dem Brief, müsse erhalten bleiben, weil dort „Talente sichtbar gemacht“ werden, weil der „kulturelle Diskurs in Bayern bereichert“ werde – und weil auch „die Zukunft der bayerischen Kultur“ vom Fortbestehen dieses Senders abhänge. Um diese Forderung zu unterstreichen, wurde diese Petition in den sozialen Medien gestreut. Ein wenig mehr als 1500 Unterschriften sind zusammengekommen– die Aktion ist verpufft.
1500 Unterschriften? Allein in München gibt es mehr als 1500 Bands – Bands, keine einzelnen Musiker. Dazu die jeweiligen Fans. Warum ist der Widerstand so gering?
Die Idee, sich gegen das Ende von Puls Radio zu wehren, entstand während des Reeperbahn-Festivals in Hamburg im September. Initiiert hat die Petition unter anderem der Verband für Popkultur in Bayern. Andreas Jäger, Geschäftsführer des Pop-Verbands, gibt offen zu, dass er sich mehr Unterstützer gewünscht hätte.
Die Aktion „ist gerade ein bisschen eingeschlafen“, gesteht er. Popkultur sei eben sehr heterogen: Hip-Hop, Techno, Punkrock – „es ist bei uns oft schwer, die vielfältigen Bedürfnisse unter einen Hut“ zu bekommen. Auch darauf führt Jäger den bisherigen mäßigen Erfolg der Petition zurück. Und: Es sei den Initiatoren wichtig gewesen zu zeigen, „dass ganze Netzwerke und Akteure der Musikwirtschaft am Fortbestehen von Puls Radio hängen“. Der Verband unabhängiger Musikunternehmerinnen und Musikunternehmer (VUT) in Bayern zum Beispiel. Außerdem, so argumentiert Jäger, seien die Hörerzahlen von Puls Radio nicht gerade sehr hoch.
Moment? Keine nennenswerte Zahl an Zuhörern? Warum dann der Protest?
Bei MA Audio, die Media-Analyse für den Hörfunk in Bayern, wird Puls Radio nicht ausgewiesen. Es gibt BR-interne Erhebungen, wonach der junge Sender 0,4 Prozent der Bevölkerung in Bayern erreicht. Also in etwa 53 000 Menschen – ein Niveau, das sich, so heißt es beim BR, über die Jahre nicht maßgeblich geändert habe. Im Vergleich: egoFM hat bei jungen Menschen eine Tagesreichweite von 175 000 Hörern. Auch Godehard Ruppert, Vorsitzender des Rundfunkrats, äußert sich in einem Antwortschreiben an den VUT dahin gehend, „dass Radio nicht mehr der zukunftsfähigste Weg ist, um junge Menschen in Bayern zu erreichen“. Menschen unter 30 suchten „Information, Unterhaltung und ihre spezielle Musik auf digitalen Plattformen“, so Ruppert. „Die Hörerzahlen von Puls Radio sprechen leider eine eindeutige Sprache.“

Stefan Finkenzeller:Wer ist der Mann, der den Radiosender egoFM rettete?
Erst Fan von egoFM, jetzt Geschäftsführer: Was treibt Stefan Finkenzeller an, in einen Radiosender zu investieren, dessen Geschäftsmodell zuvor andere potenzielle Geldgeber abgeschreckt hat?
Das Ende von Puls Radio hängt mit politischen Vorgaben zusammen, öffentlich-rechtliche Radioprogramme zu reduzieren. Dass dieser Schritt nun um ein Jahr vorgezogen werde, habe mit dem Umzug in das neue Sendezentrum in München-Freimann zu tun, heißt es beim BR. Statt dort ein neues Hörfunkstudio für Puls zu errichten, solle „das junge Angebot künftig noch konzentrierter auf innovative digitale Produkte“ fokussiert werden.
Dabei fing alles im Herbst 2007 so ambitioniert an, damals noch unter dem Namen Bavarian Open Radio. Später wurde daraus 0n3-Radio, bevor der junge Sender 2013 den Namen Puls erhielt. Ein Jugendradio mit journalistischem Anspruch wollte man sein – neben Musikformaten wurden Reportagen und Interviews gesendet. Viele junge Journalisten nutzten das Programm als Sprungbrett, einige erfolgreiche Formate existieren heute noch – als Podcast oder als Youtube-Kanal.

Aber das Radio an sich? Verlor an Bedeutung. Erst recht, nachdem der Bayerische Rundfunk Ende 2017 entschieden hatte, den geplanten Frequenztausch seiner Hörfunkwellen Puls und BR-Klassik doch nicht vorzunehmen.
Das Jugendradio erhielt keine UKW-Frequenz, blieb im Internet. Die Zahlen stagnierten. Eine Entwicklung, über die man sich auch intern beim BR nicht wundert – zumindest, wenn man sich mit ehemaligen Puls-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterhält. Puls Radio sei kaputtgespart worden, heißt es. Die „Graswurzel-Arbeit“ bei der Suche nach neuen Bands finde nicht mehr statt, das habe kein anderer Sender in Deutschland gemacht.
Das Sparpotenzial sei nicht groß, sagen ehemalige Puls-Mitarbeiter, wenn man jetzt Puls Radio vom Netz nehme.
Moderationen gibt es schon lange nicht mehr, nicht mal O-Töne von Musikern, deren Songs gespielt werden. Einzig kuratierte Playlisten. Die Kosten dafür: Hauptsächlich Gema-Gebühren. Das Sparpotenzial sei nicht groß, sagen ehemalige Puls-Mitarbeiter, wenn man jetzt Puls Radio vom Netz nehme.
Aber der Schaden wird als sehr hoch erachtet – zumindest in der bayerischen Musikszene. So heißt es in der Petition, dass Puls Radio nicht nur ein Radiosender gewesen sei, „sondern ein Türöffner für Talente“. Puls Radio sei die „Förderinstitution des Bayerischen Rundfunks“ für Nachwuchsmusikerinnen und Nachwuchsmusiker.
Was der Sender übrigens auch so sieht: So steht auf der BR-Homepage, dass bei Puls Radio „Newcomer-Förderung großgeschrieben“ wird: „Viele Acts sind bei uns das erste Mal on air im Radio zu hören.“
So soll es auch bleiben, fordert die bayerische Musikszene. Zumindest solle der Ausstieg nicht so schnell erfolgen, auch solle „es klar kommunizierte Sendeplätze für Puls-Inhalte auf Bayern 2 und Bayern 3 – nicht als Randnotiz, sondern als verbindliche, gleichwertige Weiterführung der Nachwuchsförderung“ geben, lautet die Forderung in der Petition.
Man könne nicht einfach „die heimische Szene komplett außer Acht lassen“, sagt Andreas Jäger, Geschäftsführer des Verbands für Popkultur in Bayern.
Hier gehe es auch um Gerechtigkeit, sagt Andreas Jäger vom Verband für Popkultur in Bayern. „Man muss dafür sorgen, dass es eben nicht nur Top-40-Formate gibt wie jetzt bei Bayern 3 – oder Schlager oder Klassik. Da muss es etwas geben, das frischer ist, nischiger, moderner“, sagt er. „Wir zahlen alle einen Rundfunkbeitrag. Und wir haben auch ein Recht darauf, vertreten zu werden.“ Man könne nicht einfach „die heimische Szene komplett außer Acht lassen“.
Oliver Alexander vom Verband VUT findet es schwierig, wenn „ein GEZ-finanzierter Sender mit Kulturauftrag seinen eigenen Nachwuchs vernachlässigt“. Ein „Abschalten der Jugendwelle“ erscheine ihm so, „als würde man sein eigenes, nachwachsendes Klientel kampflos aufgeben oder anderen Plattformen überlassen“, erklärt er.
Als Ersatz für Puls Radio wünscht sich der VUT „feste Sendeplätze“ für bayerische Bands. Etwa „ein wöchentliches zweistündiges Fenster (BR Newcomer-Show) oder ein wiederkehrendes Format, etwa täglich um 11.55 Uhr für fünf Minuten mit Song, Anmoderation und einem O-Ton des Acts“.
Der BR sieht es weiterhin als wichtige Aufgabe, „musikalische Talente in Bayern zu fördern und on air zu bringen“.
Fünf vor zwölf also. Der BR sieht das nicht so. So verweist ein BR-Sprecher darauf, dass „Bayern 3 seit Jahren das beliebteste Programm beim jungen bayerischen Publikum“ sei – 1,39 Millionen Menschen unter 50 Jahren hören jeden Werktag diesen Sender.
Auch bleibe es weiterhin eine wichtige Aufgabe, „musikalische Talente in Bayern zu fördern und on air zu bringen“. Als Beispiel wird die neu aufgestellte „Puls Startrampe“ genannt sowie ein neues Format: das „BR Pop Radar“ – für neue Acts und Projekte aus Bayern.
Jede Woche soll es laut BR wöchentlich „mehr als 50 Airplay-Plätze unter dem Label BR Pop Radar“ geben. Fünf Songs sollen von jedem Act gespielt, anmoderiert werden. Auch könne es ein Porträt des Künstlers geben. Und: „Jede Woche wird ein noch vertragsloser Act als ,BR-Pop-Radar-Newcomer der Woche‘ präsentiert, inklusive Interviews.“
In dieser Woche ist es Saguru, zuletzt auch beim Festival „Sound of Munich Now“ auf der Bühne. Er habe sich bei Bayern 3 einfach mit dem Song „Hollow Days“ gemeldet, sagt Musiker Christian Rappel, „und sie meinten, dass er ihnen gefällt und sie mich gern unterstützen“. Erst einmal diese Woche, „und wenn er gut ankommt, vielleicht sogar noch mehr“.

