Zwischen Welten:Ein Jojo, Borschtsch und die Sehnsucht nach Frieden

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Zwischen Welten: Emiliia Dieniezhna

Emiliia Dieniezhna

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))

Unsere Kolumnistin kann ihrer kleinen Tochter einen Weihnachtswunsch wohl nicht erfüllen: das Fest zu Hause in Kiew zu feiern. Wie sie es schafft, dennoch für Adventsstimmung zu sorgen.

Von Emiliia Dieniezhna

Weihnachten liegt in der Luft, und ich kann nicht aufhören, darauf zu hoffen, dass bald ein Wunder geschieht. Dieses Wunder wünsche ich mir in diesem Jahr mehr denn je.

Auf ein Wunder wartet auch meine Tochter Ewa, die inzwischen fünf Jahre alt ist. Sie hat sich ein Jojo und eine Badeseifenbombe gewünscht. Aber sie möchte am liebsten, dass der Weihnachtsmann die Geschenke in unsere Wohnung in Kiew bringt, wo wir Weihnachten feiern "müssen", wie Ewa sagt. Beim Jojo und der Seifenbombe kann ich dem Weihnachtsmann gerne helfen, die Erfüllung des anderen Wunsches steht leider nicht in meiner Macht.

Meine Schülerinnen und Schüler haben ähnliche Wünsche, aber auch hier kann ich nicht helfen. Wir haben gemeinsam einen Brief an den Weihnachtsmann geschrieben. Die meisten Kinder wollen vor allem Frieden und Freiheit für die Ukraine und den Sieg im Krieg gegen Russland. Das ist auch mein Hauptwunsch. Ich möchte aber auch Gerechtigkeit. Russland und russische Kriegsverbrecher müssen bestraft werden.

Aber auch die Kinder in der Ukraine liegen mir sehr am Herzen. In Pullach spende ich für verschiedene lokale Organisationen, die Bücher, Spielzeug und Süßigkeiten davon kaufen und in mein Heimatland schicken. Die Kinder, die dort ausharren müssen, sollen wenigstens etwas Weihnachten haben, obwohl regelmäßig der Strom und das Wasser abgeschaltet werden.

Kürzlich konnte ich auch mithelfen, den Deutschen ein bisschen von unseren ukrainischen Weihnachtsbräuchen näherzubringen. In Pullach gibt es auf dem Christkindlmarkt seit mehreren Jahren einen ukrainischen Stand. Hier können die Gäste typisch ukrainische Gerichte probieren, die bisher von den hiesigen Nonnen gekocht wurden. In diesem Jahr gibt es in Pullach aber viele Geflüchtete aus der Ukraine, die meisten davon aus Pullachs Partnerstadt Baryschiwka, die für den Christkindlmarkt gekocht haben. Ich habe auch mitgemacht.

Ich würde mal behaupten, die ganze ukrainische Community in Pullach hat drei Tage lang nur gekocht, denn so konnten wir den Deutschen, die uns so gut unterstützen, auch einmal etwas von unserer Kultur und Gastfreundschaft zeigen. Es gab hauptsächlich vier Gerichte: natürlich Borschtsch, der Rote-Bete-Eintopf, der seit diesem Jahr sogar Immaterielles Kulturerbe der UNESCO ist. Dann natürlich Varenyky, das sind Teigtaschen mit Füllung; Nalysnyky, das sind Pfannkuchen mit Füllung; und Beignets, Brötchen mit Knoblauchsoße. Ich selber habe mit meiner Tante Pfannkuchen mit Kraut und Pilzen zubereitet.

Die ukrainische Küche hat den Besuchern des Christkindlmarkts so gut gefallen, dass wir sogar nachkochen mussten. Viele haben auch gefragt, ob es inzwischen ein ukrainisches Café in München oder der Umgebung gibt. Leider nein.

Es war wirklich schön, mit dem Stand Teil eines deutschen Weihnachtsmarkts zu werden. Obwohl ich nur kurz am Stand sein konnte, war ich sehr stolz auf mein Land, meine Nationalküche und mein Volk. Ich würde mich freuen, wenn man das nächstes Jahr wiederholen kann. Dann aber mit der Gewissheit, dass die Ukraine bis dahin den Krieg gewonnen hat.

Emiliia Dieniezhna, 34, flüchtete mit ihrer damals vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Von dort aus arbeitet sie ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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