SZ-Kolumne: "Zwischen Welten":"Für kurze Zeit waren wir eine glückliche Familie"

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SZ-Kolumne: "Zwischen Welten": Emiliia Dieniezhna.

Emiliia Dieniezhna.

(Foto: Bernd Schifferdecker)

Unsere ukrainische Kolumnistin war mit ihrem Mann und ihrer Tochter das erste Mal auf dem Oktoberfest. Zwischen Autoscooter, gebrannten Mandeln und Bierzelt stellt sie sich die Frage, ob sie feiern darf, während in ihrer Heimat Menschen im Krieg sterben.

Von Emiliia Dieniezhna

Vorigen Dienstag war ich das erste Mal auf dem Oktoberfest. Dienstags ist immer Familientag, deshalb bin ich mit meiner vierjährigen Tochter Ewa und meinem Mann Olexiy hingegangen. Er ist gerade zu Besuch aus der Ukraine hier, muss aber wieder nach Hause zurück.

SZ-Kolumne: "Zwischen Welten": Emiliia Dieniezhna mit ihrer Tochter Ewa, die vom Oktoberfest sehr beeindruckt ist.

Emiliia Dieniezhna mit ihrer Tochter Ewa, die vom Oktoberfest sehr beeindruckt ist.

(Foto: Florian Peljak)
SZ-Kolumne: "Zwischen Welten": Mit dabei: ihr Mann Olexiy, der zu Besuch in München ist.

Mit dabei: ihr Mann Olexiy, der zu Besuch in München ist.

(Foto: Florian Peljak)

Den Geist der Wiesn, wie die Münchner das Oktoberfest nennen, haben wir schon in der S-Bahn von Pullach nach München gespürt. Viele trugen Dirndl und Lederhose. Und als wir in die U-Bahn umstiegen, waren eigentlich alle in Tracht gekleidet. Die meisten sahen wirklich gut darin aus und ich war ein bisschen neidisch, weil ich kein Dirndl besitze. Am Eingang des Festgeländes wurden wir neben den bayerischen Flaggen auch von den ukrainischen Fahnen empfangen. Das auf diesem großen Fest zu sehen, tat gut.

Gewundert haben wir uns aber darüber, dass die Straßen zwischen den Bierzelten und den Fahrgeschäften gar nicht so überfüllt waren wie erwartet. Ob es nur am schlechten Wetter lag, oder auch an der Angst vor Corona? Die Stimmung allerdings war sehr ausgelassen. In der Luft lag der Duft von Bratwurst und gebrannten Mandeln. Die habe ich das erste Mal probiert, köstlich. Mandeln, das ist für mich von nun an das Symbol für das Oktoberfest - neben Bier natürlich.

SZ-Kolumne: "Zwischen Welten": Gebrannte Mandeln haben einen neuen Fan. Für Emiliia Dieniezhna gehören sie von sofort an zum Symbol für das Oktoberfest - neben Bier natürlich.

Gebrannte Mandeln haben einen neuen Fan. Für Emiliia Dieniezhna gehören sie von sofort an zum Symbol für das Oktoberfest - neben Bier natürlich.

(Foto: Florian Peljak)

Ewa wollte unbedingt mit dem Autoscooter fahren. Das war aber dann gar nicht so lustig. Wir wurden ständig von den anderen Autos gerammt, und Ewa hat sich auf die Zunge gebissen. Sie hat so lange geweint, bis ihr Papa ihr ein kleines Stoff-Eichhörnchen gekauft hat! Die anderen Kinderkarussells hat sie dann mit Freude ausprobiert. Nur eine Fahrt mit dem Riesenrad konnte ich ihr nicht erlauben - das hätte ich nicht ausgehalten, ich habe Höhenangst.

SZ-Kolumne: "Zwischen Welten": Die Fahrt im Autoscooter wird unsere ukrainische Kolumnistin in nicht so guter Erinnerung behalten. Ihre Tochter Ewa hat sich dabei auf die Zunge gebissen.

Die Fahrt im Autoscooter wird unsere ukrainische Kolumnistin in nicht so guter Erinnerung behalten. Ihre Tochter Ewa hat sich dabei auf die Zunge gebissen.

(Foto: Florian Peljak)
SZ-Kolumne: "Zwischen Welten": Papa Olexiy konnte Ewa aber mit einem neuen Kuscheltier trösten.

Papa Olexiy konnte Ewa aber mit einem neuen Kuscheltier trösten.

(Foto: Florian Peljak)

Nachdem wir reichlich durchgefroren waren, wollten wir in ein Zelt zum Aufwärmen. Eine Idee, die natürlich viele andere Oktoberfestbesucher auch hatten. Und so war das erste Zelt voll, im zweiten Zelt hätten wir mindestens 20 Minuten auf einen Platz warten müssen, aber im dritten Zelt hatten wir Glück. Wir bekamen sogar einen Tisch auf dem Balkon, von wo aus wir den Menschen beim Feiern zusehen konnten.

Die Band war wirklich einzigartig. Ich kenne keine bayerischen Lieder, aber zu der Musik, die gespielt wurde, wollte man unbedingt mitsingen und tanzen. Ich habe mich deshalb sehr gewundert, dass es keine Tanzfläche gibt. Stattdessen stiegen die Gäste auf die Bänke und Tische und tanzten dort. Ich vermutete, dass das auf der Wiesn üblich ist - auch wenn überall im Zelt Aufkleber darauf hinwiesen, dass es verboten ist, auf Bänke und Tische zu steigen.

Das Oktoberfest wäre natürlich nicht das Oktoberfest ohne Bier. Das hat uns ein sehr netter Kellner klargemacht. Allerdings bin ich keine Bierexpertin, aber ich habe natürlich mitbekommen, dass es in Bayern viele sehr gute Sorten gibt. Ich hätte jedoch keine Ahnung gehabt, welches ich bestellen soll. Glücklicherweise hat der Kellner uns erklärt, dass in jedem Zelt nur eine ganz bestimmte Sorte ausgeschenkt wird. Olexiy und ich haben jeder eine Mass getrunken und Ewa eine Apfelschorle. Besonders gut hat das Bier mit einer Breze geschmeckt. Fast haben wir uns wie richtige Bayern gefühlt.

Trotz Krieg auf die Wiesn, "das war eine Gratwanderung"

Einräumen muss ich, dass ich lange unsicher war, ob wir überhaupt auf das Oktoberfest gehen sollen. Einerseits wegen Corona. Ich möchte nicht, dass sich Ewa oder mein Mann anstecken. Weitaus größere Zweifel hatte ich aber, weil ich oft das Gefühl habe, nicht feiern zu dürfen. Das berühmteste Bierfest der Welt zu besuchen, während in der Heimat Krieg herrscht, war eine wirkliche Gratwanderung. Für die Wiesn entschieden habe ich mich, weil mir das für meine Tochter wichtig war. Sie hat eine Kindheit verdient, die mit Freude und Lachen ausgefüllt ist. Viele andere ukrainische Mütter, die ich kenne, sagen oft genau dasselbe. Ich bin keine Ausnahme. Ich möchte, dass mein Kind glücklich ist, das hat Priorität.

Ein bisschen habe ich auch an mich gedacht. Das sollte mein erstes Mal auf dem Oktoberfest sein. Und ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Möglichkeit habe, das zu erleben, wenn wir wieder nach Hause können. Ich wollte mir deshalb nicht entgehen lassen, diese einzigartige Atmosphäre einmal selbst zu erleben, denn ich habe schon einmal eine solche Chance verpasst.

Das war vor vielen Jahren in Sewastopol, das ist die Stadt auf der Krim, wo früher einmal zwei Schwarzmeerflotten stationiert waren, die ukrainische und die russische. Im Juli feierten diese beiden Schiffsverbände immer gemeinsam das größte Fest Sewastopols. Als Studentin habe ich an diesem Tag als Kellnerin gearbeitet und konnte deshalb nie selber mitfeiern. Aber ich war fest davon überzeugt, dass sich das eines Tages ändern wird. Wenig später bin ich nach Kiew gezogen und 2014 wurde die Krim von Russland annektiert. Dieses Fest wird es deshalb wohl nie mehr geben. Das hat mich überzeugt, dass man Chancen nutzen muss - und dass man auch kleine Freuden haben darf.

SZ-Kolumne: "Zwischen Welten": Die kleine Familie genießt die ausgelassene Stimmung.

Die kleine Familie genießt die ausgelassene Stimmung.

(Foto: Florian Peljak)

Natürlich hat es nicht geklappt, den Krieg in meinem Land auf der Wiesn zu vergessen. Aber für kurze Zeit waren wir eine glückliche Familie. Ich hoffe darauf, dass bis zum nächsten Oktoberfest der Frieden in die Ukraine zurückkehrt. Dann kaufe ich mir das schönste Dirndl, komme nach München zurück und lasse es richtig krachen.

Emiliia Dieniezhna, 34, flüchtete mit ihrer vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Von dort aus arbeitet sie ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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