SZ-Kolumne: "Zwischen Welten":Wovon geflüchtete Kinder aus der Ukraine träumen

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SZ-Kolumne: "Zwischen Welten": Emiliia Dieniezhna

Emiliia Dieniezhna

(Foto: Bernd Schifferdecker)

Auch für unsere Kolumnistin hat die Schule wieder begonnen. Sie unterrichtet ukrainische Kinder in einer Brückenklasse in Pullach. Ihren ersten Schultag hätten ihre Schülerinnen und Schüler aber gerne ganz anders verbracht.

Kolumne von Emiliia Dieniezhna

Diese Woche ist auch für geflüchtete ukrainische Kinder eine besondere. Die Schule hat wieder begonnen. Allerdings in Bayern, nicht in ihrer Heimat. Im Juni waren 25 000 geflüchtete Schülerinnen und Schüler im Freistaat gemeldet, und auch jetzt im September werden es weiterhin mehrere Zehntausend Mädchen und Buben sein, die statt in Odessa, Charkiw oder in Kiew hier in die Schule gehen.

2900 ukrainische Schülerinnen und Schüler meldet München für das neue Schuljahr. Viele von ihnen sind in die erste Klasse gekommen. So sollte es eigentlich nicht sein. Wenn Russland die Ukraine nicht überfallen hätte, könnten diese Kinder ihren ersten Schultag zu Hause feiern, in Begleitung von ihren Vätern und Opas. Jetzt aber ist das nicht möglich: Putin hat den Kindern nicht nur den Frieden gestohlen, sondern auch die Freude, gemeinsam mit ihrer ganzen Familie den ersten Schultag zu erleben. Im besten Fall konnten dieses Mal nur Mütter und Omas die Kinder begleiten, weil die Väter und Opas entweder an der Front kämpfen oder Haus und Hof hüten, sofern noch vorhanden.

Dabei hatten die ukrainischen Kinder, die ich aus Pullach kenne, sehr gehofft, zum Schulbeginn im September wieder in ihrer Heimat zu sein. Viele haben sich vor den Sommerferien von mir mit den Worten verabschiedet: "Frau Dieniezhna, bis September sind wir bestimmt zurück zu Hause und sehen uns vielleicht nicht mehr." Ich hätte mir das für sie gewünscht. Doch nachdem die russische Armee weiterhin ukrainische Infrastruktur wie Elektrizitätswerke bombardiert, haben die Eltern entschieden, besser hier in Sicherheit zu bleiben.

Auch ich bleibe mit meiner kleinen Tochter in Pullach und unterstütze die ukrainischen Kinder weiterhin als Lehrerin. Voriges Jahr habe ich in einer Willkommensklasse gearbeitet. In diesem Jahr werde ich in einer Brückenklasse unterrichten. Der Unterschied, so wie ich es verstanden habe, liegt darin, dass die Brückenklassen besser in das bayerische Schulsystem integriert sind. Die Hauptschwerpunkte solcher Klassen liegen auf dem Unterricht in Deutsch, Englisch und Mathe.

Leicht wird es nicht werden. Nicht, weil die Kinder schlecht lernen würden, sondern weil ihr Heimweh stärker wird, denn sie vermissen schon so lange ihre Schulfreunde und leben in ständiger Angst um Angehörige, die zu Hause geblieben sind. Meine Aufgabe wird es sein, die Kinder trotzdem zu motivieren. Aber ich weiß auch, dass sich in solchen Situationen selbst die besten Schülerinnen und Schüler schwertun.

Doch die Schulen, die Lehrerinnen und das Schulamt bemühen sich wirklich, um die ukrainischen Kinder bestmöglich zu unterstützen. Das sehe ich jeden Tag persönlich. Ich bin beeindruckt von der Flexibilität des Schulsystems und überzeugt, dass alles getan wird, damit sich die geflüchteten Kinder in der neuen Realität zurechtfinden.

Trotzdem wünsche ich diesen Mädchen und Buben, dass sie das Schuljahr 2023/24 in der Heimat beginnen können. Ich bin überzeugt, dass die meisten davon träumen. Gerade jetzt sieht es ein bisschen so aus, als könnte dieser Traum nächstes Jahr Wirklichkeit werden.

Emiliia Dieniezhna, 34, flüchtete mit ihrer vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Von dort aus arbeitet sie ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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