Süddeutsche Zeitung

Zwischen Welten:Brücke zur Heimat

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Unsere Kolumnistin ist froh, dass kleine Ukrainer in einer Spielgruppe ihre Sprache und Kultur pflegen können. Sie empfiehlt das von der Gemeinde Pullach finanzierte Projekt wärmstens zur Nachahmung.

Von Emiliia Dieniezhna

Alle Eltern hier wissen wahrscheinlich, wie schwierig es ist, einen Platz in der Kita zu bekommen. Meine Tochter hatte Glück, wir waren unter den ersten geflüchteten Familien, die in Bayern ankamen und haben einen Platz gefunden. Dafür bin ich der Gemeinde Pullach sehr dankbar. Aber nicht alle ukrainischen Geflüchteten hatten so viel Glück.

Deswegen war ich so froh, dass meine Freundin Natalia im Mai einen Platz für ihren zweijährigen Sohn in der ukrainischen Spielgruppe bekommen hat. Die Gruppe hat eine andere ukrainische Mama in Pullach organisiert, die mit dem Beginn des Krieges auch nach Bayern geflohen ist. Das ist ein Beispiel dafür, dass die Ukrainer trotz der schwierigen Situation und der Flucht nicht auf die Lösungen ihrer Probleme warten, sondern die Lösungen selber schaffen.

Ich habe vor Kurzem die Leiterin dieser Spielgruppe, Stanislava Khorenzha, getroffen und war von ihr total inspiriert. Als Mutter eines kleinen Jungen wollte sie, dass er auch hier in Deutschland seine Muttersprache und die ukrainische Kultur lernen kann. Es war für sie sehr wichtig, dass ihr Sohn regelmäßigen Kontakt mit anderen ukrainischen Kindern seines Alters hat. Weil sie keine solchen Angebote in München und im Landkreis München gefunden hat, hat sie dieses Projekt gegründet, mit Unterstützung der Gemeinde Pullach und des örtlichen Kindergartens "Isarspatzen". Neun ukrainische Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren haben so die Chance bekommen, dreimal pro Woche, zehn Stunden insgesamt, ihre Sprache und ihre Kultur zu pflegen.

Ich sehe, wie glücklich diese Kinder sind, die ukrainischsprachige Spielgruppe zu besuchen, dort zu spielen und zu lesen. Alle Materialien dafür wurden aus der Ukraine geliefert. Natürlich lernen die Kinder die ukrainischen Traditionen und Feste und was sie bedeuten, um so besser in Kontakt mit ihrer Heimat zu bleiben. Neben den zwei Erzieherinnen arbeitet dort auch eine Musiklehrerin, die die Kleinen mit ukrainischer Musik vertraut macht. Das Team versucht, dass für ein paar Stunden pro Tag kleine Ukrainer sich wie zu Hause fühlen könnten.

Das ist ein Pilotprojekt in Bayern. Seine Einzigartigkeit liegt darin, dass die Kosten von der Gemeinde übernommen wurden. Das sichert die Stabilität und die mögliche Fortentwicklung des Projektes. Ursprünglich traf sich die Spielgruppe in einer Turnhalle der "Isarspatzen", jetzt aber hat sie schon ihren eigenen Raum in der Jakobuskirche Pullach. Zurzeit ist die Spielgruppe bis Juli 2023 geplant, aber das Projekt könnte weiter fortgeführt werden, je nach Bedarf.

Es gibt schon einige Ideen, und nicht nur in Bayern, wie man das Konzept in der anderen Städten umsetzen kann. Es freut mich zu wissen, dass noch mehr geflüchtete Kinder eine ähnliche Möglichkeit in der Zukunft haben könnten. Und ich hoffe darauf, dass es später auch eine Möglichkeit zu bilingualer Bildung gibt. Noch hat die Leiterin der Gruppe, die Idee, auch ein bisschen Deutsch zu üben, nicht umgesetzt.

Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg. Und bin sehr stolz auf die starken ukrainischen Frauen, die trotz aller Herausforderungen unsere Kultur im Ausland pflegen.

Emiliia Dieniezhna, 34, flüchtete mit ihrer vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Von dort aus arbeitet sie ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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