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Pullach:"Offenbar haben wir was Bleibendes geschaffen"

„Die Kleinste Bühne der Welt“: Jörg Baesecke und Hedwig Rost.

(Foto: Claus Schunk)

Prämiert für ihr Lebenswerk machen Hedwig Rost und Jörg Baesecke weiter Theater, statt vor Publikum jetzt vor der Kamera

Interview von Udo Watter, Pullach

Neben der jungen Filmgruppe "Movie Jam Studios" aus Taufkirchen, die einen Hauptpreis gewonnen hat, holten Hedwig Rost und Jörg Baesecke 2018 einen weiteren Preis in den Landkreis München - den fürs Lebenswerk. Das Duo aus Pullach, das sich "Die Kleinste Bühne der Welt" nennt, macht seit fast 40 Jahren Objekttheater, erzählt Geschichten mit Scherenschnitten und Papierfiguren.

SZ: Sie haben 2018 den Tassilo-Preis fürs Lebenswerk bekommen. Für manche klingt das wie eine leise Aufforderung, Sie sollten sich mal langsam zur Ruhe setzen.

Jörg Baesecke: Ja, ein Nachbar von uns hat es genau so aufgefasst. ,Das heißt: Bitte aufhören!' hat er zu uns gesagt.

Hedwig Rost: (lacht) Das Schandmaul.

Sie scheinen aber ganz im Gegenteil sehr umtriebig und agil zu sein, und das trotz der gewaltigen Einschränkungen, welche die Corona-Krise für Künstler wie Sie mit sich gebracht hat.

Rost: Corona hat unsere Theaterkarriere abgebrochen, das kann man nicht anders sagen. Wir haben seit einem Jahr quasi keine Auftritte mehr. Aber wir haben uns auch vorher schon gefragt, wie sehr wir das noch wollen: die Vielzahl an Auftritten, der Aufwand, der damit verbunden ist. Wir spielen ja oft in provisorischen Räumen und müssen uns gut überlegen, wie wir daraus ein Theater machen, wie wir die Nähe zum Publikum herstellen.

Baesecke: Und dann hat uns Corona gezwungen umzudenken.

Sie drehen jetzt vor allem kurze Filme, in denen sie ihre Geschichten erzählen, nicht mehr vor Publikum, vor der Kamera.

Baesecke: Eigentlich haben wir gedacht, das geht nicht, unsere Art von Theater kann man nicht verfilmen. Aber dann haben wir es doch mal probiert, das war genau vor einem Jahr. So als kleines Geschenk für unser Publikum auf unserer Website. Wir hatten vorher noch nie gefilmt, hatten eine passable Fotokamera mit Videofunktion und haben uns noch ein primitives Schneideprogramm aus dem Internet runtergeladen. Und dann schlug das richtig ein.

Ihr Film "Gegen die Angst" war eine Erzählung über die Pest 1517 in München und wie die Schäffler mit ihrem Tanz dazu beitrugen, neuen Lebensmut in der verzweifelten Stadt zu wecken. Eine Analogie zur gegenwärtigen Corona-Situation.

Baesecke: Damit haben wir einen Nerv getroffen. Wir wurden mit Kommentaren überschüttet. Und viele Leute wollten uns gleich unterstützen, auch mit Spenden.

Mittlerweile haben Sie eine DVD mit zwölf Filmen mit dem Titel "Lichtblicke" veröffentlicht und drehen regelmäßig.

Baesecke: Auf das Thema Film sind wir auch ein bisschen durch die Tassilo-Prämierung gekommen. Damals hat man uns gefragt, ob wir einen Film über uns hätten. Rost: Hatten wir aber nicht, das war fast peinlich (lächelt). Später haben wir dann aber eine Doku über uns drehen lassen. Da ist auch das Tassilo-Preisgeld mit eingeflossen.

Baesecke: Mit unserem derzeitigen "Film des Monats" wollen wir die Beziehung zum Publikum pflegen. Wir haben inzwischen aber auch richtige Aufträge, so haben wir einen Image-Film gedreht, in dem wir das Stadtmuseum München vorstellen. Technisch sind wir vielleicht schlechter als ausgebildete Profis, aber wir sind kreativ und nutzen die Gestaltungsmöglichkeiten, die sich bieten: Einstellungen, frecher Schnitt, Text.

Das heißt, Sie kommen bisher auch finanziell einigermaßen durch die Pandemie.

Baesecke: Neben den Aufträgen hat sich auch unsere DVD gut verkauft, unser Publikum unterstützt uns, und auch die staatliche Unterstützung, die wir beantragt haben, gerade vom Bund, ist bei uns unkompliziert und schnell angekommen.

Ein bisschen merkwürdig muss es aber doch sein, statt live via Video mit dem Publikum zu kommunizieren.

Rost: Dass die Digitalisierung uns momentan rettet, ist unbenommen. Aber unser Lebenswerk, für das wir ja auch den Preis bekommen haben, ist etwas Analoges. Wir wissen, wie wichtig das ist: das Echte, Kontakte, Nähe. Beziehungen zum Publikum, gerade zu den Kindern, die am ehesten live zum Nachahmen animiert werden.

Baesecke: Unser Theater ist mit gutem Grund unplugged.

Wie geht es nun weiter?

Rost: Die 40 Jahre machen wir sicher noch voll, unser erster Auftritt war im November 1983.

Baesecke: Wir kommen ja vom Straßentheater und sind es seit knapp 40 Jahren gewohnt, uns auf neue Situationen einzustellen. Deshalb wird sich auch jetzt ein Weg finden.

Rost: Der Preis fürs Lebenswerk hat mir noch mal bewusst gemacht, wie wahnsinnig viel wir gemacht haben. Und ich habe es selber noch mal zu schätzen gelernt. Theater ist ja was Flüchtiges, aber offenbar haben wir auch was Bleibendes geschaffen.

© SZ vom 03.04.2021
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