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Pull-i:Wärmehülle fürs Hightech-Spielzeug

Marco Peters verkauft seine Filz-Tasche für i-Pods in alle Welt und ist damit sogar in der Pinakothek der Moderne vertreten.

Martin Hammer

Ein bisschen staunt Marco Peters selbst noch, wenn er seine Geschichte erzählt. Vor genau einem Jahr hatte der 26-Jährige nach einer Schutzhülle für seinen nagelneuen i-Pod gesucht - heute ist er ein Unternehmer, der er eigentlich gar nicht werden wollte. Und alles nur, weil Peters damals nirgends fündig wurde und selbst seine eigene Hülle erfand.

In dem Designbüro, in dem er als Systemtechniker arbeitet, schnappte er sich ein Stück grauen Filz und ließ ihn von einer Freundin zu einem kleinen Beutel zusammennähen. Eine simple Idee, die auf den ersten Blick alles andere als spektakulär ist. Aber erfolgreich.

Inzwischen hat Peters seinen "Pull-i" mehr als 35.000 Mal verkauft. Ein Exemplar ist sogar in der Designabteilung der Pinakothek der Moderne ausgestellt.

Hunderte von Bestellungen, aber keine Ahnung

Dabei habe er anfangs wirklich nicht im Sinn gehabt, ein Geschäft mit seinem Pull-i zu machen, beteuert Peters. Das sei einfach so passiert. Die ersten Interessenten waren Freunde, die für ihr Accessoire auch etwas zum Anziehen haben wollten. Also überredete er seine Helferin Heidi, noch einmal zehn Filzsäckchen zu nähen. "Die waren innerhalb eines Tages alle weg."

Und dann begann der "Horrormonat". Er folgte dem Rat der Bekannten, seinen Pull-i im Internet zu verkaufen. "Am Freitagabend habe ich die Homepage fertig gemacht und ein paar Newsdienste angeschrieben, am Sonntag hatte ich 100 Bestellungen und 300 Anfragen."

Was leider fehlte, waren die Kapazitäten für die Produktion und den Versand der Taschen. Nächtelang verbrachte er mit Freunden und seinem Bruder damit, den Filz zuzuschneiden und die fertigen Beutel zu verpacken. Freundinnen und Mütter von Freunden übernahmen die Näharbeit.

Trotz Erfolges draufgezahlt

Was danach geschah, hat Peters säuberlich auf zwei Blatt Papier notiert, um im Chaos nicht den Überblick zu verlieren: Im September verlor der Bruder seinen Job und übernahm die Produktion in seinem Wohnzimmer, zum Oktoberfest gestaltete Peters seinen ersten Spezial-Pull-i mit bayerischer Edelweiß-Borte und zum Weihnachtsgeschäft bekam er den ersten Großauftrag von einem Architekturbüro, das seine Kunden mit Filztaschen beschenken wollte.

1400 Pull-is zu je zehn Euro waren bis Ende des Jahres ausgeliefert worden. Das einzige Problem: Statt Geld zu verdienen, zahlte Peters am Ende drauf - pro Stück etwa vier Euro. "Ich hatte ja von Kalkulation keine Ahnung. Dass meine Rechnung nicht aufgeht, hab ich erst von meinem Steuerberater erfahren."

Ritterschlag in der Pinakothek der Moderne

Dass er trotzdem weitermachte, lag nicht am Geld, sondern am Design-Ritterschlag, den seine Filztasche erhielt. Neben dem i-Pod selbst, der vom Hightech-Gerät zum Mode-Accessoire aufgestiegen ist, wird der Pull-i seit Januar in der Pinakothek der Moderne ausgestellt. "Das war für mich der größte Motivationskick", sagt Peters, dem die Filzkreation weit mehr bedeutet als das große Geschäft.

Ein "unmoralisches Angebot aus China", den Pull-i künftig für 35 Cent das Stück produzieren und anliefern zu lassen, schlug Peters deshalb ebenso aus wie die Avancen verschiedener Distributoren. Auch wenn deren Vorschlag durchaus verlockend klang. In allen großen Elektromärkten sollte der Pull-i zu haben sein, "die wollten auf einen Schlag 100.000 Exemplare haben".

Doch dann hätte der Pull-i eine aufwändigere Verpackung mit Barcode und Grünem Punkt gebraucht und außerdem hätte Peters die ganze Produktion vorfinanzieren müssen. "Das war eine Nummer zu groß für mich", sagt der Feierabend-Unternehmer, der sich zeitweise bei Freunden Geld leihen musste, weil die Banken ihn abblitzen ließen.

Hoffen auf Gewinn

Doch nicht nur die Finanzierung, auch der Gedanke, seine Erfindung als Massenprodukt an der Kasse eines Großmarkts zu sehen, schreckte Peters ab. "Das hätte die Seele meines Pull-i zerstört." Der sei ja immerhin ein Designstück - und das solle es auch weiter nur in ausgewählten Designläden oder im Internet geben. "Mit dieser Nische bin ich zufrieden." In Madrid, Mailand, Berlin oder New York liegt der Pull-i schon in den Regalen, über Peters eigenen fünfsprachigen Internetshop werden die Filztaschen in alle Welt verschickt.

Aus der ersten grauen i-Pod-Tasche ist mittlerweile eine ganze Filztaschen-Palette geworden, mit der sich auch Handys, Digitalkameras und andere Kleingeräte wärmen lassen - auf Wunsch mit dem eigenen Namen versehen oder in Spezial-Ausführungen vom Herbst-Design bis zum Beach-Pull-i.

Auch den Preis hat Peters nach den ersten Minuszahlen auf 14,50 Euro erhöht. Gewinn allerdings macht der IT-Fachmann, der seinen alten Job weiter ausübt, auch heute noch nicht. Spätestens Anfang des nächsten Jahres soll sich das ändern, hofft er. Irgendwann sollen sich die Investitionen und durchgearbeiteten Nächte schließlich auszahlen.

© SZ vom 12.8.2005
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