Süddeutsche Zeitung

Psychotherapeut:"Man kann dieses Meer an Energie sehr wohl lenken"

Andreas Arnold versucht, Kinder mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS ohne Ritalin zu behandeln

Interview von Irmengard Gnau

Etwa vier bis sieben Prozent aller Kinder in Bayern zeigen Schätzungen zufolge Symptome der Aufmerksamkeitsstörung ADHS. In Städten wie München oder Würzburg ist die Diagnoserate besonders hoch. Medikamente wie Ritalin zählen zu den Standards bei der Behandlung, verbunden mit Verhaltenstherapien. Der Würzburger Psychotherapeut Andreas Arnold hält diese Fixierung für kurzsichtig. Er sucht nach alternativen Wegen, um Kindern mit ADHS dabei zu helfen, mit ihrer Störung zu leben. Und er plädiert dafür, ADHS nicht als unheilbare Krankheit zu begreifen - sondern als ungenutzte Chance.

SZ: Herr Arnold, was hat für Sie den Ausschlag gegeben, eine neue Methode bei der Behandlung von ADHS zu suchen?

Andreas Arnold: Üblicherweise bietet sich eine multimodale Therapie bei ADHS an, also auf der einen Seite die medikamentöse Behandlung mit dem Wirkstoff Methylphenidat, wie er in Ritalin enthalten ist, auf der anderen Seite aber auch Verhaltenstherapie und Elterntraining. In der Praxis hat sich aber herausgestellt, dass man sich eigentlich nur auf das Medikamentöse verlässt und die anderen Behandlungselemente aufgrund von Zeitmangel oder Motivationsmangel extrem vernachlässigt werden. In meiner Praxis und bei Fachtagungen erlebe ich, dass Eltern und Pädagogen zunehmend unzufrieden sind. Die Eltern sind teilweise verzweifelt, sie wollen ihrem Kind kein Ritalin geben. Sie wünschen sich praktische Anweisungen. Darum habe ich den Versuch gestartet.

Sie waren im vergangenen Sommer fünf Tage lang mit 14 Kindern in einem ADHS-Zeltlager, ganz ohne Medikamente, dafür mit einem Fokus auf Bewegung, Ernährung und Gemeinschaftserlebnissen. Was waren für Sie die wichtigsten Ergebnisse?

Einerseits, dass auf Ausdauer gerichteter Sport wie zum Beispiel Laufen einen ähnlichen Effekt gezeigt hat wie Ritalin: Etwa drei, vier Stunden danach waren die Kinder aufnahmefähiger und ruhiger. Das hätte ich nicht erwartet. Zum zweiten haben wir gesehen, dass man von den Kindern auch etwas fordern kann, und sie das auch leisten. Diese Erkenntnisse wollen wir in unserem nächsten Projekt, "Die Supermannschaft", auf die Schule übertragen, zunächst in einem Pilotprojekt mit einer Grundschule in Würzburg.

Viel Sport und gesunde Ernährung als Methoden klingen im Ohr eines Laien nicht unbedingt revolutionär.

Das stimmt. Es ist allerdings sehr wichtig, diese Maßnahmen mit den Kindern auch kontinuierlich durchzuführen, und das tut bislang fast niemand. Wir haben im Camp auch Werte vermittelt, Pünktlichkeit und Höflichkeit zum Beispiel. Auf der anderen Seite zeigen wir den Kindern aber auch: Wir sind für sie da, wir achten sie und geben ihnen Selbstvertrauen. Der neue Gedanke an unserer Methode ist, dass ADHS keine genetische Erkrankung ist, die unheilbar ist, sondern dass man sehr wohl dieses Meer an Energie lenken lernen kann. Das wollen wir den Kindern beibringen, sozusagen als Gabe für ihre Zukunft.

Der Dokumentarfilm "Man will aber selber das machen, was man will" von Andreas Arnold und Christine Streichsbier ist an diesem Freitag, 17. Februar, um 17.30 Uhr im Werkstattkino, Fraunhoferstraße 9, zu sehen. Im Anschluss steht Andreas Arnold zur Diskussion mit den Zuschauern bereit. Das Monopol-Kino zeigt den Film noch einmal am Mittwoch, 26. April, 19 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 17.02.2017
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