Psychische Krankheiten im Beruf:Seelische Leiden sind die Regel, nicht die Ausnahme

Gemäß dem DAK-Gesundheitsreport 2013 hat sich die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen in 15 Jahren mehr als verdoppelt. Im aktuellen Bericht für 2014 nimmt der Anteil der Ausfalltage wegen psychischen Krankheiten 14,6 Prozent ein. Seelische Leiden sind längst die Regel, nicht die Ausnahme. "Psychische Erkrankungen sind die häufigste Ursache für Berufs- und Erwerbsunfähigkeit", betont Gabriele Schleuning, Chefärztin am Isar-Amper-Klinikum Haar. Aus ihrer Berufspraxis weiß sie: Viele Menschen sind den oft harten Anforderungen der Arbeitswelt nicht gewachsen. Erschöpfungssyndrome wie Burn-out können sich da schnell zu gravierenden Depressionen auswachsen - zu einer chronischen Krankheit also, die zum Suizid führen kann.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) rät deshalb Arbeitnehmern seit Jahren zur Vorsicht, wenn es darum geht, den Arbeitgeber über eine psychische Erkrankung zu informieren. "In vielen Betrieben hat ein Arbeitnehmer, der seinem Vorgesetzen oder Kollegen über eine Depression oder Schizophrenie berichtet, noch immer mit erheblichen Nachteilen zu rechnen", sagt BPtK-Präsident Rainer Richter. Sie würden dann als "Arbeitsverweigerer oder Versager" gelten.

Fürsorgepflicht für den Arbeitnehmer

Langsam kommt offenbar ein Sinneswandel in Gang. Chefärztin Schleuning berichtet von mittlerweile rege besuchten Seminaren am Haarer Klinikum, in denen Firmenmitarbeiter zu "Ansprechpartnern für seelische Gesundheit" ausgebildet werden. Emissäre von BMW oder Telekom lernten dabei, wie sie seelische Krisen erkennen - und dass sie Hilfen bieten müssen, wie das bei Alkoholsucht in vielen Betrieben bereits Usus ist. "Wir geben uns Mühe, psychische Erkrankungen nicht zu tabuisieren", sagt ein Sprecher der Postbank über das Integrationsprogramm mit Regenbogen. Es gebe zudem eine anonyme Hotline, die rund um die Uhr mit Psychologen besetzt sei und psychologische und psychiatrische Behandlungen vermittle.

"Es sickert langsam bei den Unternehmen durch, dass Arbeitnehmer besser vor psychischen Belastungen geschützt werden müssen", sagt DAK-Experte Schmitt. Es setze sich die Erkenntnis durch, dass Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter haben. Denn: Womöglich ist die Ignoranz mitverantwortlich für eine Krise mit Todesfolge, wie es bei David Walm beinahe der Fall gewesen wäre. Bis zu 18 Stunden ackerte er damals täglich in der Küche des Hotels für seinen Sternekoch-Traum. Er hatte kaum mehr soziale Kontakte, als die Depression ihn in den Zangengriff nahm.

"Ich stellte mir vor, gegen einen Betonpfeiler zu fahren", beschreibt er seine Verzweiflung über die giftigen Gedanken, gegen die er nichts machen konnte. Er raste dann tatsächlich gegen einen Pfeiler, ein Rückfall nach monatelanger Behandlung in der Klinik. Sanitäter retteten ihn - es wird für Walm ein Erweckungserlebnis. Er schämte sich so sehr für seine Schwäche, dass er allen erzählte, er habe einem Reh ausweichen müssen. "Es hat den Schalter umgelegt, dass ich mein Leben in den Griff kriegen und die Krankheit akzeptieren muss." Heute ist Walm überzeugt: Depressive Menschen sind enorm leistungsfähig. "Denn sie müssen große Stärke aufbringen, sich nicht umzubringen."

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