Psychische Krankheiten im Beruf Arbeit als Therapie

Sicherheit und Selbstbewusstsein dank der Regenbogen Arbeit GmbH: David Walm hat wieder einen Arbeitsplatz als Koch.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen hat sich in 15 Jahren mehr als verdoppelt. Das geht aus dem DAK-Gesundheitsreport 2015 hervor.
  • Doch in vielen Chefetagen gelten psychisch kranke Mitarbeiter noch immer als willensschwach und unberechenbar. Jetzt beginnt das Stimga zaghaft zu bröckeln.
Von Stefan Mühleisen

Es gibt ein Foto von David Walm, auf dem er äußerlich äußerst frisch wirkt. Doch wer genau hinsieht, kann an Walms Blick erkennen, dass er im Inneren dem Tode damals ziemlich nah war. Das Bild ist in einem Restaurantführer abgedruckt, in dem Bio-Hotels ihre Spitzen-Küche und ihre Spitzen-Köche vorstellen. Der damals 20-Jährige kniet mit zwei Kollegen unter einem Baum. Während die anderen ihr eifrigstes Nachwuchs-Starkoch-Lächeln zeigen, blickt Walm niedergeschlagen nach oben ins Geäst.

"Mein Traum war es, Sternekoch zu werden", sagt er über seine Ausbildungszeit in diesem Mecklenburger Hotel. Doch sein Gemüt hat andere Pläne. Unerbittlich trichtert ihm sein Gehirn ein: Es ist alles sinnlos, bring dich um. Seine Psyche steckt zu dieser Zeit in der Zwangsjacke einer schweren Depression. Bald nach dem Fototermin schauen seine Kollegen staunend zu, wie Sanitäter Walm vom dampfenden Kochtopf weg aus der Hotelküche führen. Zwangseinweisung durch die Eltern. Es vergehen nur wenige Wochen, dann schickt die Hotelleitung die Kündigung.

Ausgegrenzt und abgeschoben

Walms Geschichte dokumentiert auf drastische Weise, wie schwierig es psychisch kranke Menschen haben, im Arbeitsleben zu bestehen - und wie sie mitunter ausgegrenzt und abgeschoben werden. In der öffentlichen Wahrnehmung und insbesondere in vielen Chefetagen gelten psychisch kranke Menschen als willensschwach und unberechenbar. Wer eine psychiatrische Diagnose hat, ist häufig als gefährlicher Gestörter abgestempelt - obwohl seelische Leiden weit verbreitet sind, von der Medizin als ebenso "normal" eingestuft wie körperliche Gebrechen.

Doch das Stigma beginnt nun zaghaft zu bröckeln. "Es bewegt sich etwas", sagt David Schmitt, Abteilungsleiter Sozial- und Arbeitsmarktpolitik beim Bezirk Bayern des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). "Viele Arbeitgeber haben erkannt, dass es Handlungsbedarf gibt." Etliche Betriebe haben nach seinen Worten Programme aufgelegt, um psychische Belastungen überhaupt zu erkennen und entsprechende Hilfen anzubieten. "Leider ist das noch viel zu selten", sagt Gewerkschafter Schmitt.

David Walm hat Glück gehabt. Er kommt in den Genuss eines dieser seltenen Fälle. Fünf Jahre ist die Zwangseinweisung jetzt her, heute ist er wieder Herr über sein Gemüt. Sein Traum vom Maître de Cuisine konnte er sich zwar nicht erfüllen. Doch immerhin hat er einen Job als Koch in der Kantine der Postbank-Niederlassung an der Münchner Bayerstraße. Geschäftig wuselt Walm an diesem Vormittag herum zwischen dampfenden Kesseln mit Knödeln, daneben brutzeln Rinderkeulen in den Pfannen. "Alle wissen hier von meiner Krankheit. Doch sie sehen mich nicht als bekloppt an", sagt er.

Problem der "Drehtürpsychiatrie"

Walm ist einer von 170 Mitarbeitern der Regenbogen Arbeit GmbH, 60 Prozent von ihnen sind psychisch krank. Der gemeinnütziger Betrieb verschafft Menschen mit seelischen Leiden eine Festanstellung, sie bekommen faire Jobs mit therapeutischer Begleitung. Die Firma schließt eine Lücke in der psychiatrischen Versorgungslandschaft. Denn längst wissen Fachleute um das Problem der "Drehtürpsychiatrie": Wenn Menschen wie Walm nach einer schweren psychiatrischen Krise die Klinik verlassen, stehen sie oft vor den Trümmern ihres Lebens: ohne Freunde, ohne Wohnung - und ohne Arbeit. So fallen sie in die nächste Krise - und landen wieder in der Klinik.

"Sie müssen Geld verdienen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können", sagt Regenbogen-Arbeit-Geschäftsführerin Elke Seyband. Ihr Betrieb hat sich auf Catering-Service spezialisiert. Menschen mit Psychose, Depression oder Schizophrenie verarbeiten Frischkost, fahren sie kistenweise in fünf Großkantinen in München - etwa bei Postbank, Allianz, Infineon - und arbeiten dort im Service, als Küchenhilfe oder Koch. Arbeitstherapie und Broterwerb zugleich.