Prügelattacke an Münchner S-Bahnhof Merk fordert lückenlose Videoüberwachung

Nach der tödlichen Attacke am Sollner S-Bahnhof fordern Politiker ein schärferes Strafrecht und mehr Polizeikontrollen.

Von Monika Maier-Albang und Jan Bielicki

Am Morgen danach, als die ersten Wanderer mit der Bayerischen Oberlandbahn vom Sollner S-Bahnhof aus starten, brennen schon vier Kerzen auf dem Bahnsteig.

Menschen haben Blumen aus ihrem Garten abgeschnitten und sie dort hingelegt, wo am Tag zuvor Dominik B. niedergeschlagen worden war, gegen 16Uhr, mitten auf dem Bahnsteig, neben einem Wartehäuschen, im Bahnsteigsektor D., unter den Augen von Mitreisenden.

Nachdem er einer Gruppe Kinder geholfen hatte, die von anderen Jugendlichen angepöbelt worden waren. Das Unfassbare wird durch die Erinnerungsstätte ein wenig greifbarer und lässt die Umstehenden doch ratlos zurück. "Wahnsinn", sagen die Wanderer, schütteln die Köpfe - und steigen kurz darauf in den Zug Richtung Berge.

Die Bahngleise konnte einer der beiden Täter, Sebastian L., von seinem Wohnhaus aus sehen. Er war in einer Einrichtung für drogenabhängige Jugendliche untergebracht, das von Condrobs geleitet wird. Das Haus liegt nur zwei Stationen stadteinwärts vom Tatort.

Das "Easy Contact Haus" ist ein freundliches, etwas abgewohntes Gebäude mit einem Birnbaumspalier an der Front, einem verwaisten Autositz im Gras und einer verrosteten Klingel am Wegesrand, auf der kein Name steht. Eine therapeutische Wohngemeinschaft für Jugendliche, mit Drogenproblemen und "psychosozialen Schwierigkeiten".

Der zweite Täter Markus Sch. wohnt in Johanneskirchen. Am Nachmittag konnten Zielfahnder der Polizei in Obersendling einen dritten Jugendlichen festnehmen; der 17-Jährige war nach Angaben von Polizeisprecher Andreas Ruch an dem Übergriff auf die Kinder beteiligt gewesen.

Politiker reagierten mit Entsetzen auf die Tat. Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) sagte, sie verneige sich vor dem Opfer und zolle "seiner Zivilcourage höchsten Respekt". Der Mann sei Kindern zu Hilfe gekommen, die bedrängt wurden, "besser hätte man es gar nicht tun können", sagte Merk und fügte hinzu: "Er hat durch sein selbstloses Bemühen sein Leben verloren."

Die Justizministerin forderte eine Verschärfung des Jugendstrafrechts und generell Videoüberwachungen auch an S-Bahnhöfen. Sie bekräftigte außerdem die CSU-Forderung, dass 18-jährige Straftäter in Zukunft immer nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden sollen. Nach dem derzeitigen Recht kann bei 18- bis 21-Jährigen auch Jugendstrafrecht angewandt werden.

Auch Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zeigte sich"entsetzt über diesen erneuten Fall sinnloser und brutaler Gewalt." Es handele sich um ein "erschreckendes Beispiel für die besorgniserregende Zunahme von Jugendgewaltdelikten".

"Viele müssen hinschauen"

Der Angriff vom Samstagnachmittag sei "durch nichts zu entschuldigen", sagte auch der SPD-Stadtvorsitzende Hans-Ulrich Pfaffmann und forderte, mit "null Toleranz" und "aller Härte der gesetzlichen Möglichkeiten" gegen solche Gewalttaten vorzugehen. Von Joachim Herrmann und der Staatsregierung verlangte der SPD-Chef, mehr Polizisten in die Bahnen zu schicken und "die Polizeikontrollen zu verstärken". Den Innenminister forderte er auf, jetzt einen Bericht über die Sicherheit in den Bahnen vorzulegen.

Auch für den Münchner CSU-Chef Otmar Bernhard stellt sich "jetzt die Frage, wie zu vertretbaren Kosten das Sicherheitspersonal verstärkt werden kann". Außerdem, so Bernhard, zeige "diese erneute Gewalttat, wie richtig die Münchner CSU gelegen hat, als wir eine verbesserte Prävention gefordert haben". Vor allem will Ottmar Bernhard die Videoüberwachung verbessert sehen.

Dagegen glaubt Siegfried Benker, der Vorsitzende der Rathausgrünen, nicht, dass "sich solche entsetzlichen Gewalttaten durch technische Aufrüstung verhindern" ließen. Der Sicherheitsstandard in der S-Bahn sei ohnehin sehr hoch, und derartige Gewaltexzesse im öffentlichen Nahverkehr seien "äußerst selten".

Benker zeigt sich "besonders schockiert" von der Tat, weil das Opfer mit seiner Zivilcourage "all das richtig gemacht hat, was die Leute tun sollen. "Ich hoffe, dass die Menschen jetzt nicht Angst bekommen, trotzdem hinzuschauen", sagte Benker, denn die beste Abwehr solcher Überfälle bestehe darin, dass "nicht nur einer hinschaut, sondern viele hinsehen".