Urteil Ex-Freund schlitzt Frau die Wange auf: "Das war das Monster in ihm"

  • Ein psychisch kranker Mann, der auf seine Ex-Freundin eingestochen hat, wird wegen gefährlicher Körperverletzung zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.
  • Allerdings wird Eric M. in Kürze einen zweijährigen Entzug antreten - und anschließend in die Freiheit entlassen.
  • Das Opfer, Leoni M., das bis heute leidet, verfolgte fast jeden Prozesstag: "Ich habe ihm verziehen."
Aus dem Gericht von Susi Wimmer

"Eric, pass auf dich auf, okay?!" Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass der Angesprochene den Blick hebt und seinem Opfer Leoni M. (Name geändert) in die Augen sieht. Gerade hatte Richter Michael Höhne dem 26-Jährigen eine "letzte Chance" aufgezeigt, sein Leben noch in den Griff zu bekommen. Die erste große Schwurgerichtskammer am Landgericht München I verurteilte Eric M. wegen gefährlicher Körperverletzung zu sechseinhalb Jahren Haft. Allerdings wird der Verurteilte in Kürze einen zweijährigen Entzug antreten - und anschließend in die Freiheit entlassen. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Verurteilung wegen versuchten Mordes und zwölf Jahre Haft gefordert.

Leoni M., eine 20 Jahre junge Frau mit dunklen Locken, leidet bis heute. An der dicken Narbe, die sich über ihre Wange zieht, an Panikattacken und daran, dass der Mann, den sie "immer noch liebt", hinter Gittern sitzt. Fast jeden Prozesstag verfolgte und kommentierte sie mit. "Ich habe ihm verziehen", sagte sie vor Gericht. "Das war nicht er, das war das Monster in ihm".

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Tatsächlich bescheinigte auch Richter Höhne dem etwas bärenhaft wirkenden Mann zwei Seiten: Neben seiner freundlichen Art könne Eric M. auch gewalttätig und herzlos gegenüber seinen Mitmenschen sein - besonders dann, wenn Alkohol und Kokain hinzukämen.

Eric M. und Leoni M. lernten sich im August 2017 über eine Dating-App kennen. Über den Verlauf ihrer Beziehung gibt es unterschiedliche Meinungen: Es sei schon nach wenigen Tagen wieder vorbei gewesen, sagte Eric M. vor Gericht. "Gefühlt bin ich immer noch mit ihm zusammen", sagte Leoni M. Was die beiden unter anderem verband, waren ihre Süchte. Als bei einem Drogenkauf am 22. Dezember 2017 der Laptop von Leoni M. gestohlen wurde, verdächtigte sie Eric M. Tatsächlich habe ein Dealer das Gerät gestohlen, urteilte das Gericht. Aber Leoni M. drohte Eric M., ihn anzuzeigen. Da der wegen Gewaltdelikten vorbestrafte Münchner erst ein Jahr zuvor aus der Haft entlassen worden war und unter Bewährung stand, hatte er Angst vor einer erneuten Anzeige. Eric M. sei wütend gewesen und befürchtete, dass seine Ex-Freundin ihn "zu Unrecht" hinhängen werde, so das Gericht in seinem Urteil.

Den Weg zur Wohnung von Leoni M. kannte Eric M. noch, ebenso den Trick, über das Küchenfenster einzusteigen. So stand er am Morgen des 23. Dezember mit einem Messer in der Hand an ihrem Bett. Ein Freund, der bei ihr übernachtet hatte, redete beruhigend auf Eric M. ein, doch der kündigte an: "Heute muss sie sterben." Er versetzte ihr einen Schlag ins Gesicht, aus seiner Faust ragte dabei am kleinen Finger die Klinge eines Messers heraus. Leoni M. erlitt eine fünf Zentimeter lange, klaffende Wunde an der Wange. Einen zweiten Schlag konnte der Freund verhindern, Leoni M. flüchtete schreiend über den Balkon. Der Angreifer setzte ihr nach und versetzte ihr einen weiteren Faustschlag. Aber: Er stach nicht mehr zu, was das Gericht strafbefreiend als Rücktritt vom versuchten Totschlag wertete.

Richter Höhne attestierte dem Angeklagten eine hohe kriminelle Energie, aber auch, dass der Angriff einer "dissozialen Störung" geschuldet sei. "Sie sind psychisch krank, den Opfern hilft das wenig", sagte Höhne. Unbehandelt sehe er "eine massive Gefahr", dass Eric M. weiter Menschen gefährde. Seit fast einem Jahr und drei Monaten sitzt M. in Untersuchungshaft und soll nun für zwei Jahre in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden. Sollte er den Entzug schaffen, wird er laut Gesetzesvorgabe nach der Hälfte der Strafe entlassen. "Begehen Sie neue Straftaten, dann droht die Sicherungsverwahrung", gab Höhne ihm noch warnend mit auf den Weg. Beide Seiten nahmen das Urteil an.

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