Prozess "Vielleicht mieten alle Zeugen gleich einen Bus, um zu Gericht zu fahren"

Der ehemalige Direktor der Musikhochschule steht vor Gericht, der Vorwurf: Vergewaltigung und drei Fällen der sexuellen Nötigung.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Der ehemalige Präsident der Hochschule für Musik muss sich wegen Vergewaltigung und drei Fällen der sexuellen Nötigung vor Gericht verantworten.
  • Im Verfahren gegen Siegfried Mauser hat nun ein Dozent der Musikhochschule über Branchen-Interna berichtet.
  • Demnach sei es durchaus üblich, sexuelle Forderungen zu stellen.
Von Susi Wimmer

Bereits zu Beginn des Prozesses gegen den ehemaligen Direktor der Münchner Musikhochschule, Siegfried Mauser, hatten seine Verteidiger im November 2017 gemahnt, man möge doch ihren Mandanten nicht als "Harvey Weinstein der Musikszene" inszenieren. Mittlerweile ist im Zuge der "Me-Too"-Debatte mit Regisseur Dieter Wedel ein weiterer mutmaßlicher Missbrauchstäter ins kollektive Bewusstsein gerückt. Und am Montag gab vor dem Landgericht München I ein Dozent der Musikhochschule eine leise Ahnung dessen ab, was im Musik- und Theaterbusiness generell so abläuft. "Wenn's der Sache dienlich ist, ist die Besetzungscouch eine Hilfe", erklärte er im Zeugenstand.

Siegfried Mauser, 63 Jahre alt, soll nach Ansicht der Staatsanwaltschaft auf einer Couch in seinem Büro an der Arcisstraße im Herbst 2004 eine Frau vergewaltigt haben, die sich für eine Stelle als Assistentin bewerben wollte. Zudem wird ihm vorgeworfen, bei drei Bewerbungsgesprächen eine Sängerin attackiert und sexuell genötigt zu haben. Mauser selbst bestreitet die Vorwürfe, sieht sich als Opfer von Frauen, die ihn und seine Position ausnutzen hätten wollen. In einem anderen Verfahren wurde Mauser bereits wegen sexueller Nötigung zu neun Monaten Haft verurteilt. Das Urteil wurde im April 2017 gesprochen, Staatsanwaltschaft und Verteidigung legten Revision ein, darüber allerdings ist bis heute nicht entschieden.

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Dem Dozenten, der am Montagmorgen als Zeuge aussagen soll, ist die Sache merklich zuwider. Er habe Siegfried Mauser in guter Erinnerung, erklärt er und schaut immer wieder zur Anklagebank. Noch peinlicher wird es für den Mann, als das Gericht eine Zeugenaussage vorliest, die der Dozent bei der Polizei getätigt hatte. Mauser habe immer allen alles versprochen, aber nichts getan, "mit Ausnahme seiner eigenen Karriere". "Manchmal redet man vielleicht zu viel vor sich hin", versucht der Zeuge zurückzurudern.

Der Dozent war mit einem der mutmaßlichen Opfer gut befreundet. Die Opernsängerin sei 2009 sogar bei ihm und seiner Frau in München zu Gast gewesen, als diese sich bei Mauser um eine Stelle bewerben wollte und dieser sie mutmaßlich zum dritten Mal begrapschte. Nach dem Besuch an der Hochschule habe die Sängerin erst stockend von den Übergriffen erzählt, dann sei sie sehr emotional geworden. Sie habe von dem Zungenkuss berichtet und von dem schmerzhaften Begrapschen ihrer frisch operierten Brüste. Auch habe sie erzählt, dass Mauser ihr einmal gesagt habe: "Wir müssen uns treffen, wir müssen miteinander schlafen."

Dieser Satz, so sagt der Dozent auf Nachfragen des Gerichts, sei in der Branche nicht außergewöhnlich. "Mir ist vieles angeboten worden", erklärt er. Und dann erzählt er, dass er als junger Mann von seinem Gesangslehrer sexuell belästigt wurde. Ein Zungenkuss, eine Einladung nach Salzburg, alles verbunden mit einem Testat, das er als Abschluss von seinem Lehrer benötigte. Als er die Angriffe abwehrte, habe der Lehrer ihn aus der Klasse geworfen. Später, so sagt er, habe er bei demselben Lehrer erneut Unterricht genommen. Damals, als er "noch jünger und hübscher" gewesen sei, sei da viel gelaufen.

Als im April 2016 Zeitungsartikel über die erste Verhandlung gegen Mauser öffentlich wurden, habe er sofort mit der Opernsängerin gechattet. Diese habe erklärt, sie wolle nun als Zeugin eine Aussage machen, damit "das Monster" seine Strafe erfährt. "Vielleicht mieten alle Zeugen gleich einen Bus, um zu Gericht zu fahren", antwortete der Dozent. Außerdem schrieb er, dass auf die Hochschule einiges zukäme, müssten alle Bewerbungen korrekt aufgerollt werden. Diese Aussagen wollte der Zeuge vor Gericht nun als Ironie verstanden wissen.

Mauser soll die Opernsängerin 2007, 2009 und 2013 sexuell genötigt haben. "Ich habe keine Zweifel an dem, was sie erzählt hat", erklärte der Zeuge am Ende. Der bis März terminierte Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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