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Prozess um Kriegsbilder:Wenn Kunst stört

Ein Kind mit amputiertem Arm, ein völlig zerschossenes Gesicht: Der Münchner Wolfram Kastner hat in einer Ausstellung grausame Kriegsbilder gezeigt - und Proteste in der Nachbarschaft ausgelöst. Die Bewohner fühlten sich belästigt. Nun sitzt der Künstler im Gericht und muss sich gegen ein Bußgeld wehren.

Christian Rost

Wer sich Wolfram Kastner ins Haus holt, darf sich nicht wundern, wenn das Publikum verstört zurück bleibt. Der Künstler ist bekannt für provokante Aktionen. Als Protest gegen das Reichskonkordat von 1933 lief er einmal als Papst verkleidet neben einem falschen Hitler durch die Innenstadt, bis ihn die Polizei mitnahm. Das Kulturteam des Bürgervereins im Ackermannbogen hätte also absehen können, dass eine Einladung an Kastner im April 2011 eine heikle Sache werden kann.

Prozess gegen Künstler

Wolfram Kastner zeigt im Amtsgericht eines seiner Bilder.

(Foto: dpa)

Kastner zeigte seine Ausstellung "teilen statt kriegen" im Schauraum an der Therese-Studer-Straße. Zu sehen waren - auch von der Straße aus durch ein Schaufenster - grausame Bilder von im Krieg Verstümmelten: ein Kind mit amputiertem Arm, ein völlig zerschossenes Gesicht. Weil auch Kinder aus der Nachbarschaft einen Blick darauf werfen konnten, brach bei Anwohnern ein Proteststurm los - und das Kulturteam überwarf sich. Kastner kam, um etwas gegen Kriege zu unternehmen - und hinterließ Unfrieden im Viertel.

Seit Donnerstag setzt sich der Streit am Münchner Amtsgericht fort. Kastner wehrt sich gegen ein Bußgeld des Kreisverwaltungsreferats über 273 Euro wegen "Belästigung der Allgemeinheit" mit der damaligen Ausstellung. Die Zeugen - darunter das halbe ehemalige Kulturteam - nutzten die Gelegenheit zur Abrechnung. Die Kastner-Anhänger warfen den Gegnern "Zensur" vor. Umgekehrt hieß es, der damalige Vorsitzende des Teams habe die Ausstellung selbstherrlich durchgedrückt.

Schon bei der Vernissage war es zum Eklat gekommen, weil die um das Seelenheil der Kinder besorgte Fraktion nicht nur das Schaufenster zum Ausstellungsraum, sondern die ganzen Bilder komplett verhüllen wollte. Kastner, der auf "die garantierte Freiheit der Kunst" pocht, packte seine Anti-Kriegs-Schau schließlich ein und zog weiter.

Den Bußgeldbescheid bezeichnete er im Vorfeld des Prozesses als "Irrsinn", und die über seine Ausstellung empörten Eltern nannte er "grizzly-mumms". Mit den Beteiligten muss sich nun Amtsrichter Jürgen Hanselmann herumschlagen, am ersten Prozesstag platzte dem sonst sehr beherrschten Mann der Kragen: Zuhörer kommentierten ungeniert die Vorgänge im Saal und längst entlassene Zeugen plapperten in die Verhandlung hinein.

Die Angelegenheit zog sich auch dadurch so lange hin, dass der Richter den Fall vertagen musste: Am 13. Juni soll nun entschieden werden, was Kunst in München darf und was nicht.

© SZ vom 25.05.2012/sonn

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