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Prozess um Doppelmord von Krailling:"Er hat sich aufgeführt wie ein Wahnsinniger"

Aus Habgier soll Thomas S. seine beiden Nichten brutal getötet haben. Beim Prozess in München sagt nun die Familie aus - und berichtet, dass der Angeklagte unter großem finanziellen Druck stand. Zudem soll er gedroht haben, auch seine eigene Frau und die gemeinsamen Kinder umzubringen. Mit Spannung wird nun der Auftritt seiner Ehefrau erwartet.

Er sei "niederträchtig" und "hämisch", sagt die Frau mit dem langen weißen Zopf. Er - das ist Thomas S., der nur wenige Meter von ihr entfernt auf der Anklagebank sitzt. Doch Doris S. würdigt ihren Schwiegersohn keines Blickes, auch seinen Namen spricht sie nicht aus. Als ein Sachverständiger sie nach den Eigenschaften von Thomas S., fällt ihr nur sein schlechter Geruch ein. "Er sah immer heruntergekommen aus, das hat mich abgestoßen", sagt sie.

Prozess um Doppelmord von Krailling fortgesetzt

Aus Habgier soll Thomas S. seine beiden Nichten brutal getötet haben.

(Foto: dapd)

Es ist kein sympathisches Bild, das die Familie des Angeklagten an diesem Donnerstagvormittag vor dem Landgericht München II von Thomas S. zeichnet. Der 51-Jährige soll seine kleinen Nichten im März 2011 brutal ermordet haben. Mit Seil, Hantel und Messer soll er in Krailling auf Chiara, acht, und Sharon, elf, losgegangen sein. Der Mann bestreitet die Tat, doch sein Blut wurde am Tatort gefunden.

Zunächst tritt Gisela S. in den Zeugenstand. Die blonde Rentnerin war die Ehefrau des Schwiegervaters von Thomas S. - die Stiefoma der getöteten Mädchen. Unter Tränen berichtet die 63-Jährige von Erbstreitigkeiten nach dem Tod ihres Mannes. Sie bestätigt mit ihrer Aussage indirekt, unter welchem finanziellen Druck die Familie des Angeklagten stand.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Thomas S. seine Nichten aus Habgier getötet hat, um seine Frau zur Alleinerbin des Familienvermögens zu machen. Demnach soll er es auch auf die Mutter der Mädchen, die Schwester seiner Ehefrau, abgesehen haben - eine mit Wasser gefüllte Badewanne und ein Elektromixer waren am Tatort bereits vorbereitet. Nur weil sie so spät nach Hause kam, soll Anette S. dem Anschlag entgangen sein.

Nach Gisela S. tritt Doris S. in den Zeugenstand. Sie ist die Mutter von Anette S. und Ursula S. und die Oma von Chiara und Sharon. Sie wirkt gefasster, etwas Positives zum Angeklagten fällt ihr allerdings auch nicht ein. Von Anfang an habe sie den Eindruck gehabt, er sei ein "Schmarotzer". "Er hatte gar nichts, er hatte kein Geld, das kam immer alles von uns, von der Familie, von Ursula", sagt sie.

Über ihn und ihre Tochter sagt sie: "Die waren immer sehr darauf aus, dass sie Geld zusammengerafft haben - die haben ja das Geld gebraucht, um das Haus zu bauen. Das war ihnen das Allerwichtigste." Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Thomas S. den Mordplan fasste, als die Zwangsversteigerung seines Hauses in Peißenberg drohte.

Auch die Ehe zwischen Ursula S. und dem Angeklagten beschreibt Doris S. als schwierig: "Sie haben sich immer furchtbar gestritten", erzählt sie. Die gemeinsamen Kinder habe er regelrecht traktiert, für seine Kinder aus erster Ehe weigerte er sich, den Unterhalt zu zahlen. "Manchmal wurde er cholerisch, sehr laut und richtig ausfallend", sagt sie.

So erinnert sich Doris S. an einen Besuch ihrer Tochter mit den vier Kindern, die Ursula S. und Thomas S. gemeinsam haben: Der Angeklagte habe seine Familie unbedingt wieder nach Hause holen wollen. "Er hat sich vor der Tür aufgeführt wie ein Wahnsinniger", sagt sie. Aber die Familie wollte nicht mit. "Ich hatte den Eindruck, sie hatten Angst." Bei der Auseinandersetzung habe Thomas S. seine Frau und seine Kinder schließlich mit dem Tod bedroht: "Dann werde ich sie umbringen und die Kinder auch", soll er gesagt haben.

2009 habe sie dann den Kontakt zu Ursula S. und ihrem Mann abgebrochen. "Ich habe Schluss gemacht, weil es immer wieder so eskaliert ist", sagt Doris S. Für ihre andere Tochter, die Mutter der getöteten Mädchen, findet sie dagegen nur warme Worte. Überhaupt seien ihre beiden Töchter sehr unterschiedlich gewesen - darunter habe auch das Verhältnis der Schwestern gelitten. "Die Anette war sehr lustig, sehr offen, Ursula hatte immer Schwierigkeiten in ihrem Leben - von Anfang an", sagt sie. "Sie war immer ein Sorgenkind."

Mit Spannung wird der Auftritt von Ursula S. vor Gericht am Nachmittag erwartet. In Interviews hatte sie vorab bereits erklärt, sie sei sich sicher, dass ihr Mann der Täter sei. Sie hatte Thomas S. zunächst ein Alibi gegeben, ihre Aussage aber wieder geändert. Dem Stern sagte sie, ihr Mann habe sie in der Mordnacht "bewusst ruhiggestellt". Einem Fernsehsender sagte sie zum Prozessauftakt, sie hoffe, dass er "lange, lange im Gefängnis bleibt". Vor Gericht will sie allerdings die Aussage verweigern.

© Süddeutsche.de/tob/holz

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