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Prozess um Doppelmord von Krailling:"Als wäre er beim Pokerspiel"

Thomas S. soll seine Nichten brutal getötet haben, doch bislang schweigt er vor Gericht. Dafür lächelt er - und zwar ständig. Nun sagen Beamte der Mordkommission aus. Auch sie berichten, wie seltsam sich der Angeklagte beim ersten Verhör nach seiner Verhaftung benommen hat.

Ein Lächeln kann bisweilen unpassend sein. Umso mehr, wenn man Angeklagter in einem Mordprozess ist und gar nicht mehr aufhört zu lächeln. Seit Ende Januar steht Thomas S. in München vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, seine Nichten aus Habgier getötet zu haben - mit Messer, Hantel und Seil soll er in Krailling auf Chiara, acht Jahre alt, und ihre ältere Schwester Sharon losgegangen sein. Thomas S. schweigt bislang, doch viel spricht gegen ihn - so wurden am Tatort sein Blut und seine Fingerabdrücke gefunden.

Fortsetzung Prozess Doppelmord Krailling

Thomas S. im Gerichtssaal.

(Foto: dpa)

Am Mittwochvormittag berichtet ein Polizist zudem von der Durchsuchung des Hauses des Angeklagten in Peißenberg. Dabei seien unter anderem zwei Hantelstangen gefunden worden und ein Fahrradrücklicht, das in seiner Bauart zu der am Tatort gefundenen Vorderlampe passte. Ein anderer Beamter berichtet von dem blutgetränkten Verband an der Hand von Thomas S. wenige Tage nach der Tat. Gerichtsmediziner vermuten, dass diese Wunde vom Kampf mit den Kindern stammen könnte.

Den Angeklagten scheinen solche Vorwürfe nicht zu stören, er wirkt erstaunlich entspannt. Er lehnt sich zurück, hat die Beine von sich gestreckt - soweit das auf einer Anklagebank eben möglich ist. Ab und an schüttelt er den Kopf, flüstert seinem Anwalt etwas ins Ohr. Dann lächelt er wieder. Er lächelt, als ein Mann aus dem Zuschauerraum ihn beschimpft. Er lächelt, als Ermittler im Zeugenstand sein seltsames Verhalten beim ersten Verhör am 1. April 2011 beschreiben, eine Woche nach der unfassbaren Tat.

Sieben Stunden hat Richard Thiess von der Münchner Mordkommission Thomas S. befragt. Sieben Stunden, von denen ihm vor allem die "erstaunlich ruhige und gelassene Atmosphäre" des Gesprächs und die "stoische Ruhe" des Verdächtigen in Erinnerung geblieben sind. "Er war erstaunlich gleichförmig - der Vorwurf, zwei Mädchen umgebracht zu haben, müsste einen doch aus der Reserve locken", sagt Thiess.

Nur wenn sich die Fragen auf den Tatort bezogen, hätte sich der Angeklagte plötzlich merkwürdig verhalten, berichtet Thiess. Der Beamte erinnert sich an ein "unkontrolliertes Kopfzucken" - als ob sich der Kopf verselbständigt hätte. Und an ein "starkes Zittern". Auf die Frage, ob er die Mädchen getötet hat, habe Thomas S. zunächst geschwiegen. Er habe eine Weile auf seine Hand geschaut, dann habe er die Frage verneint. Leise, nicht entrüstet.

Auch an eine merkwürdige Situation in einer Vernehmungspause erinnert er sich. "Es muss gegen Mitternacht gewesen sein", sagt Thiess. Er habe dem Angeklagten vorgehalten, dass viele Spuren auf ihn als Täter hindeuteten. Thomas S. hätte mit einer Gegenfrage reagiert. "Meinen Sie Blutspuren im Mund?" Solche Spuren waren vorher nicht thematisiert worden, erzählt Thiess. Später habe Thomas S. seine Äußerung als rhetorische Gegenfrage abgetan.

Ähnlich beschreibt Thiess' Kollege das Verhör mit dem Angeklagten. "Er ist da reingegangen als wäre er in einer Art Pokerspiel", sagt der Hauptkommissar. "Als ob er einen lockeren Menschen, den man nichts anhaben könnte, spielen wollte." Auch er beschreibt Thomas S. auf der einen Seite als "locker" und "cool", er habe sich beim Verhör fast auf seinem Stuhl "gelümmelt". Nur bei bestimmten Themenkomplexen habe er sich völlig verändert, habe plötzlich gepresst geatmet.

"Ich hatte den Eindruck, dass er etwas unterdrücken möchte", sagt der Polizist und blickt den Angeklagten, der nur einem Meter vor ihm entfernt sitzt, an. Thomas S. weicht seinem Blick nicht aus, lächelt erneut. Dann flüstert er seinem Anwalt etwas ins Ohr. Es ist der sechste Verhandlungstag in diesem Prozess, die Beweise gegen Thomas S. werden immer erdrückender. Doch der Angeklagte schweigt - fast so, als wolle er sich noch nicht in die Karten blicken lassen.

© Süddeutsche.de/wib

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