Prozess:Was geschah in der Nacht des Starnberger Dreifachmords?

Lesezeit: 2 min

Auftakt im Prozess um Dreifachmord von Starnberg

Samuel V. (Mitte, rechts sein Verteidiger Alexander Stevens) soll von Maximilian B.s Tötungsabsichten gewusst haben.

(Foto: dpa)

Ein Video vom Tatort belastet Maximilian B., doch er und der zweite Angeklagte schweigen weiter. Die Verteidiger halten ein Familienverbrechen für möglich, eine frühere Schulbegleiterin soll den Sohn gar als "tickende Zeitbombe" bezeichnet haben.

Von Andreas Salch

Maximilian B. und Samuel V. sitzen auf der Anklagebank in dem turnhallengroßen Hochsicherheitsgerichtssaal der Justizvollzugsanstalt in Stadelheim und schweigen. Seit fast zwei Wochen müssen sich die beiden Heranwachsenden vor der 1. Jugendkammer am Landgericht München II für den Dreifachmord von Starnberg im Januar 2020 verantworten.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Maximilian B. ein Ehepaar und dessen 21-jährigen Sohn mit einer Pistole erschoss, da er es auf dessen Waffensammlung abgesehen hatte. B. und der Sohn, ein Büchsenmacherlehrling, waren Freunde und hatten eine Affinität für Waffen, besonders für Kriegswaffen. Einen Großteil der Waffen des getöteten Sohns fanden die Ermittler später bei Maximilian B. Nach den tödlichen Schüssen soll er sie zusammen mit Samuel V. in dessen Auto geladen und nach Olching gebracht haben, wo B. zuletzt wohnte. Angeblich habe B. sie verkaufen wollen, weil er sich in finanziellen Schwierigkeiten befand.

Maximilian B. war in der Nacht auf den 11. Januar 2020 tatsächlich in dem Einfamilienhaus in Starnberg, in dem die Tat geschah. Er filmte mit seinem Handy das getötete Ehepaar und dessen Sohn. Die Ermittler fanden das Video. Kurz nach seiner Festnahme gestand B. die Tat, widerrief sie aber noch am selben Tag. Ein psychiatrischer Sachverständiger, der ihn in der Arrestzelle der Kripo Fürstenfeldbruck untersucht hatte, berichtete vor Gericht, der Olchinger habe ihm gesagt, alles sei "anders vorgefallen", als er zunächst angegeben habe. Näheres wolle er aber nicht sagen. Das Video habe er gemacht, weil er "high" gewesen sei. Den Vater des Büchsenmachers habe B. als "Bedrohung" bezeichnet, so der Sachverständige. Bis zur Festnahme des Olchingers waren die Ermittler der Kripo davon ausgegangen, dass der Büchsenmacherlehrling seine Eltern und sich selbst erschossen habe.

Bekannte der getöteten Familie berichteten bei ihrer Vernehmung, es sei immer wieder zu heftigen Streitereien zwischen den Eheleuten und ihrem Sohn gekommen. Der 21-Jährige litt am Asperger-Syndrom und zeigte als Kind Auffälligkeiten, wie Unterlagen des Jugendamts Starnberg nahelegen. Als Schüler sei der Sohn auf die Unterstützung von Schulbegleitern angewiesen gewesen und psychiatrisch behandelt worden, sagte eine Polizeibeamtin, die die Akten im Zuge der Ermittlungen durchgesehen hat. In seiner Kindheit ist der Büchsenmacherlehrling demnach durch aggressives und gewalttätiges Verhalten aufgefallen und habe suizidale Gedanken geäußert. Aus einem handschriftlichen Vermerk des Landratsamtes Starnberg aus dem Jahr 2006, so die Beamtin, gehe hervor, dass für den Jungen ein "geeignetes Medikament gefunden" werden müsse, "um die Sicherheit für die Lehrer" und die Gruppe, in der sich befinde, "gewährleisten zu können".

2011 besuchte der damals 13-Jährige eine Schulklasse in der Heckscher-Klinik. Auch dort kam es offenbar zu Problemen. In einem Bericht der Klinik heißt es unter anderem, der Junge habe trotz mehrmaliger Intervention ein "Waffenbuch sowie Patronenhülsen mit in die Klinik" gebracht. Die damalige Schulbegleiterin bezeichnete den 13-Jährigen wegen seines aggressiven Verhaltens als "tickende Zeitbombe". Die Berichte enden mit einer Notiz aus dem Sommer 2017. Danach habe sich der damals 19-Jährige zu Beginn jenes Jahres in einem Stimmungstief befunden, so die Polizeibeamtin.

Die Anwälte von Samuel V., der Maximilian B. zum Tatort gefahren habe und angeblich wusste, dass B. seinen Freund und dessen Eltern töten wollte, beziehen sich bei ihrer Verteidigung auch auf die Unterlagen des Jugendamts. Da der 21-Jährige suizidale Gedanken äußerte, halten sie die Hypothese, wonach es zu einem Verbrechen innerhalb der Familie kam, für möglich. Es könnte aber auch anderes gewesen sein, sagte Rechtsanwalt Alexander Betz und warf der Staatsanwaltschaft vor, sie hätte dies prüfen müssen. Nachdem Maximilan B. sein Geständnis widerrufen hatte, sagte er zu dem Forensiker, der ihn in der Arrestzelle untersuchte: "Ich bin gespannt, was jetzt kommt."

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