Prozess:Junge Frauen nach vorgetäuschter Entführung verurteilt

  • Nach einer durchzechten Nacht sollen zwei junge Frauen eine Entführung vorgetäuscht haben, um den Ex-Freund der einen zu erschrecken.
  • Sie schickten Bilder und Videos der gefesselten Frau. Der Ex rief die Polizei.
  • Die Frau versteckte sich vor den Beamten - am Ende wurde sie aber im Bettkasten entdeckt.

Von Susi Wimmer

Wie sie so auf der Anklagebank sitzen, wirken sie wie die reinsten Unschuldsengel: Zwei Mädchen Anfang zwanzig, beide langes blondes Haar, dezent, aber nicht überschick gekleidet, die Hände auf dem Schoß. Doch die Engel haben einiges auf dem Kerbholz: Sie sollen Anfang 2016 nach ordentlich durchzechter Nacht eine Entführung vorgetäuscht haben, um den Ex-Freund der einen zu erschrecken. Was dann folgte, war eine Großfahndung der Polizei, ehe ein Polizist das vermeintliche Entführungsopfer in der eigenen Wohnung entdeckte. Die 22-Jährige hatte sich vor der Polizei im Bettkasten versteckt.

"Nein", versichert die 22-jährige Robyn G. vor der Richterin, "ich trinke nicht viel". Der Barkeeper von der 089-Bar war da aber anderer Meinung. An besagtem Abend hatten Robyn G. und ihre Freundin Sabrina S., damals 21 Jahre alt, zu Hause schon eine Flasche Wein geleert und waren dann zum Zug durch einige Bars aufgebrochen. Von Weißweinschorle ist die Rede und mehreren Wodkas, oder auch nicht, so genau könne man sich nicht erinnern. Der Barkeeper sagte im Zeugenstand, Robyn G. sei "lustig drauf" gewesen, klar bei Sinnen. "Sie verträgt mehr als andere in ihrem Alter." Und das, obwohl die zierliche junge Frau bei einer Größe von 1,74 Metern gerade mal 55 Kilogramm auf die Waage bringt. Mit dem Barkeeper und noch einem Freund zog das Quartett weiter in die Milchbar, dann ins Showtime und dann zu G. nach Hause in die Zieblandstraße.

Allerdings war da Robyn G. schon etwas schräg drauf: Sie hatte kurz zuvor ihren Ex-Freund getroffen, mit dem sie ein paar Monate liiert gewesen war. Der sagte später bei der Kripo aus, man habe sich auf eine Zigarettenlänge vor einer Bar unterhalten, über die Beziehung, dass beide Fehler gemacht hätten und dann sei man im Einverständnis auseinandergegangen. Es sei nur ein Gespräch gewesen, "vielleicht ein leichter Flirt, sonst nichts". Zehn Minuten später blinkte eine Nachricht seiner Ex bei ihm auf: "Mach so etwas nicht mehr" - und einige Smileys dahinter. Offenbar hatte die 22-Jährige das Gespräch als Umwerbung empfunden. Ihr Ex allerdings nicht. Er antwortete nicht.

Und da kam Robyn auf "diese spät-pubertäre Schnapsidee", wie es ihr Anwalt Daniel Peter nennt. Sie schickt ihrem Ex eine Nachricht, aber nicht als Robyn, sondern als vermeintlicher Entführer. Er habe Robyn gekidnappt, sie würde seinen Namen schreien, aber nun gehöre sie ihm, dem Entführer, "die geile Hure". Dazu noch ein Foto von Robyn G., scheinbar gefesselt und geknebelt und dann noch ein Video hinterher, auf dem das gefesselte Mädchen geschlagen wird.

Das Video hatten Robyn G. und Sabrina S. gegen 8 Uhr früh im Bad ihrer Wohnung gedreht. Die Staatsanwaltschaft unterstellte den Mädchen einen "gemeinsamen Tatplan". Sabrina S. hingegen versicherte im Zeugenstand, sie habe nicht gewusst, dass und an wen ihre Freundin das Video verschicken würde.

Ein Beamter erkannte sie an den Haarspitzen

Der Ex reagierte prompt und alarmierte die Polizei. Ein Beamter berichtet vor Gericht, dass man sofort zur Wohnung des Mädchens gefahren sei. "Wir hörten unten schon einen lauten Schrei", erzählt er. Daraufhin sei die Streifenbesatzung sofort ins Haus gestürmt. Die Wohnungstüre von Robyn G. wurde geöffnet und Sabrina S. sowie die beiden Burschen erzählten der Polizei, dass sie keine Ahnung hätten, wo Robyn G. stecke. Die hatte die Polizei vom Fenster aus kommen sehen, hatte ihren Freunden eingeimpft, man dürfe sie nicht verraten - und sich ein paar Stockwerke weiter oben im Treppenhaus versteckt. Außerdem, so sollten die Freunde der Polizei sagen, werde Robyn G. seit längerem von einem Stalker belästigt.

Insgesamt 16 Polizeibeamte waren nun im Einsatz, unter anderem auch die für Entführungen zuständige Mordkommission der Polizei, um nach der vermeintlich Gekidnappten und dem irren Stalker zu suchen. Beamte fuhren zur Wohnung von Robyn G.s Mutter, andere verständigten die Schwester im Ausland. Und: Das Handy der 22-Jährigen wurde geortet. Das Mobiltelefon war in der Zieblandstraße eingeloggt. Also fuhren Beamte erneut zu der Wohnung.

Diesmal konnte Robyn G. nicht mehr aus der Türe flüchten. Stattdessen half ihr einer der Freunde, sich im aufschiebbaren Bettkasten zu verstecken. Allerdings wurde dem Mädchen da die langen blonden Engelshaare zum Verhängnis: Ein Beamter entdeckte noch Haarspitzen, die aus dem Bettkasten lugten.

"Ich kann es mir selbst nicht erklären, es war einfach nur dumm", sagt das Mädchen vor Gericht. "Es tut mir für die Beamten leid. Ich war alkoholisiert und hab nicht an die Konsequenzen gedacht", sagt die Freundin. Die beiden Freunde waren zuvor schon zu Geldstrafen wegen Falschaussagen verurteilt worden.

Bei den Mädchen ging das Gericht nicht von einer verminderten Schuldfähigkeit aus. Robyn G. dürfte an dem Vormittag nach Aussage eines Rechtsmediziners noch an die 1,6 Promille Alkohol im Blut gehabt haben. Sabrina S. wurde zu 50 Tagessätzen je 24 Euro verurteilt, ihre Freundin zu 120 Tagessätzen je 30 Euro. Da die Richterin die Grenze von 90 Tagessätzen mit dem Urteil bei Robyn G. überschritten hat, gilt das Mädchen als vorbestraft. Ob die seit dem Abitur Arbeitslose mit ihrem Anwalt Daniel Peter in Berufung gehen will, blieb nach der Urteilsverkündung noch offen.

© SZ vom 03.02.2017/ebri
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