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Prozess in München:Tod durch die Kreissäge - Pädagogin vor Gericht

Leichensuche im Garten eines Wohnhauses in Haar, 2016

Nach einem Hinweis gruben Polizisten Anfang 2016 nach den Leichenteilen des seit Jahren verschollenen Opfers - in einem Garten in Haar.

(Foto: Robert Haas)
  • Vor dem Münchner Landgericht beginnt der Prozess um einen grausamen Mord in einer Studenten-WG.
  • Eine heute 32 Jahre alte Pädagogin steht vor Gericht, weil sie ihren Freund beim Sexspiel mit einer Handkreissäge getötet haben soll.

Von Susi Wimmer

Bringt ein Mensch einen anderen ums Leben, so spricht die Polizei zunächst von einem Tötungsdelikt. Erst bei näherer Betrachtung der Umstände erfolgt die juristische Bewertung. Geht es um Totschlag? Oder Mord? Nach § 211 des Strafgesetzbuches ist ein Mörder, wer etwa heimtückisch tötet, grausam oder aus niedrigen Beweggründen. Auf den ersten Blick scheinen diese Mordmerkmale alle auf die 32 Jahre alte Pädagogin Gabriele P. zuzutreffen:

Die Frau soll im Dezember 2008 ihrem Lebensgefährten, der zu einem Sexspiel mit verbundenen Augen ans Bett gefesselt war, eine laufende Kreissäge gegen die Brust gedrückt haben. Verteidigerin Birgit Schwerdt, die Gabriele P. vertritt, glaubt jedoch an eine "Verzweiflungstat". Der Prozess beginnt an diesem Montag.

Es wäre der filmreife Stoff für einen Krimi am Sonntagabend. Eine Hippie-WG, ein Einfamilienhaus mit verwunschenem Garten - und einem dunklen Geheimnis, das dort jahrelang unter der Erde schlummerte. Und irgendjemand soll irgendwann in nicht mehr ganz nüchternem Zustand auf einem Fest von dem Grauen erzählt haben. Das Gegenüber allerdings nahm die Geschichte nüchtern zur Kenntnis und ging zur Polizei. Und so kam die Mordkommission Anfang des Jahres 2016 zu einem Mord aus dem Jahr 2008, von dem sie bis dato gar nichts gewusst hatte.

Gabriele P., genannt Gabi, hatte das kleine Häuschen in der Haarer Zunftstraße von Verwandten geerbt und dort eine WG eingerichtet. Im Erdgeschoss befanden sich drei Zimmer, oben im Dachgeschoss ein großes Zimmer. Um sich Geld dazuzuverdienen, vermietete Gabi P. die Zimmer im Erdgeschoss an zwei Interessenten.

Ein genauer Tattag ließ sich nicht mehr herausfinden

Sie und ihr Freund lebten im Dachgeschoss. Gabi P. und Alex H. lernten sich kennen, da war sie gerade einmal 16 Jahre alt, er 21. Offenbar mit ihrer Volljährigkeit, Ende 2003, zog das Paar gemeinsam in das Häuschen am Zunftweg. Alex H. war als Säugling von seiner Mutter zur Adoption freigegeben worden und wuchs bei Pflegeeltern auf. Er studierte Literatur und Japanologie, Gabi P. Pädagogik. Mit im Haus, im Erdgeschoss, wohnten wechselnde WG-Partner.

Doch die Beziehung soll alles andere als harmonisch verlaufen sein. In ihrem Tagebuch soll Gabi P. die erniedrigenden Sex-Praktiken beschrieben haben, die sich ihr Freund ausdachte, und die sie über sich ergehen ließ. Im Dezember 2008 soll es zwischen dem Paar zu einem heftigen Streit gekommen sein. Die Mordkommission hat etliche Zeugen vernommen, ein genauer Tattag ließ sich wohl nicht mehr herausfinden.

Sogar ein Privatdetektiv hat nach dem Opfer gesucht

An jenem Tag warf Gabi P. ihren Freund aus dem Haus. Doch Alex H. wollte sich damit nicht abfinden, schaffte es, wieder ins Haus zu gelangen und sich mit ihr augenscheinlich zu versöhnen. Allerdings glaubt die Staatsanwaltschaft, dass Gabi P. nur zum Schein auf die Versöhnung einging und vielmehr in dem Moment beschloss, ihren Lebensgefährten umzubringen.

Warum neben dem Bett im Dachgeschoss eine Kreissäge lag, ob Gabi P. den Mord so eiskalt geplant hatte - oder ob etwa die Säge wegen Renovierungsarbeiten dort lag - wird wohl im Prozess geklärt werden. Am Abend jedenfalls gingen die Zwei gemeinsam ins Bett. Wie immer soll Alex H. sich selbst die abgeklebte Taucherbrille über den Kopf gezogen haben, während des Sexspiels soll er seine Freundin aufgefordert haben, ihn ans Bett zu fesseln. Dann soll Gabi P. zur Säge gegriffen haben.

Der Sicherungsbügel war entfernt worden, die Säge durchschnitt den Körper, Alex H. starb an den Verletzungen. Laut Staatsanwaltschaft soll sie der Leiche mit der Kreissäge den Kopf abgetrennt haben, dann soll sie eine Decke darüber ausgebreitet, das Zimmer verlassen und monatelang nicht mehr betreten haben.

Die Adoptiveltern von Alex H. wunderten sich zunächst, warum ihr Sohn nicht erreichbar war. Sie begannen zu suchen, engagierten sogar einen Privatdetektiv. Es tauchte die Behauptung auf, Alex H. habe eine neue Freundin, sei ihr nach Rumänien gefolgt und wolle keinen Kontakt mehr zur Heimat. Ob Gabi P. das Gerücht in die Welt gesetzt hatte, soll sich im Prozess zeigen.

Ein halbes Jahr später, Gabi P. war mittlerweile mit Christian K. liiert und gerade verreist, soll der neue Lebensgefährte die Leiche des Ex auf dem Dachboden entdeckt haben. Er ging nicht zur Polizei, sondern half bei der Leichenbeseitigung. Da er den Toten nicht alleine tragen konnte, bat er Bernd M., einen Landschaftsgärtner-Gehilfen, um Hilfe. Zu zweit umwickelten sie die Leiche mit Folie und vergruben sie im Garten.

Bernd M. wurde bereits zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis verurteilt, Christian K. zu zwei Jahren und acht Monaten wegen Strafvereitelung. Die Anwälte der Männer haben Berufung gegen die Urteile eingelegt. "Wir haben das verdrängt und sind wieder zur Tagesordnung übergegangen", sagte Christian K. während des Prozesses im vergangenen Jahr.

Das Gericht hat sieben Verhandlungstage für den spektakulären Mordfall anberaumt. Ob die Öffentlichkeit an allen Tagen zugelassen wird, bleibt abzuwarten.

© SZ vom 11.02.2017/infu
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