Prozess in München Staatsanwaltschaft will mutmaßliche Stalkerin in Psychiatrie unterbringen

  • Eine Sozialpädagogin aus München musste mehr als zwei Jahre die Nachstellungen einer jungen Frau erdulden.
  • Der Wunsch, ein Mann zu sein, führte Zaineb F. 2017 in eine Jugendhilfeeinrichtung, in der sie auf das spätere Opfer traf. Dabei hatte sich die 20-Jährige in die heute 34-jährige verliebt.
  • Seit ihrer Festnahme im September ist F. nun in der Psychiatrie untergebracht.
Von Stephan Handel

Sie verließ ihren Arbeitsplatz nach Feierabend nur noch in Begleitung von Kollegen. Sie wechselte auf dem Heimweg mehrmals die S-Bahn. Einige Male rief sie trotzdem die Polizei - weil ihre Verfolgerin schon wieder hinter ihr stand, grinste und sie anstarrte. Eine heute 34-jährige Sozialpädagogin musste mehr als zwei Jahre die Nachstellungen einer jungen Frau erdulden. Weil nichts half, polizeiliches Einschreiten nicht, richterliches Kontaktverbot nicht, landete die Peinigerin am Dienstag vor dem Landgericht.

Es verhandelte die Große Jugendkammer, drei Berufsrichter und zwei Schöffen, denn es geht um viel für Zaineb F., 20 Jahre alt: Mindere Intelligenz und - zumindest zum Zeitpunkt der Taten - wahnhafte Störungen haben dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik beantragt, und die ist grundsätzlich zunächst einmal unbefristet.

Die Sache ist aber darüber hinaus kompliziert. Denn als zwei Justizbeamte mit Zaineb F. den Gerichtssaal betreten, fragen sich alle, die sie nicht kennen, wer denn das jetzt sein soll: Undercut auf dem Kopf, leichter Bartflaum im Gesicht, muskulöse Unterarme. Die Beschuldigte wird später sagen, sie fühle sich als Mann, seit sie sechs Jahre alt ist. Die Hormonbehandlung zur Geschlechtsänderung hat begonnen, nun sollen möglichst bald die nötigen Operationen folgen.

Polizei in München Polizei verhaftet Stalkerin
Stalking

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Die Frau hatte einem Münchner seit über zwei Jahren nachgestellt. Am Samstagmorgen drang sie in seine Wohnung ein und küsste den Mann, während er schlief.   Von Martin Bernstein

Der Wunsch, ein Mann zu sein, führte Zaineb F. im Jahr 2017 auch in eine Jugendhilfeeinrichtung an der Ottobrunner Straße: Ihr irakischer Vater bezichtigte sie wegen dieses Wunsches der Sünde. In der Einrichtung lernte sie Anna K. (Name geändert) kennen; diese war dort ihre Betreuerin. "Nach ein paar Tagen habe ich gemerkt, dass ich Gefühle habe", sagt Zaineb F.

Alle Versuche der Sozialpädagogin, ihren Schützling zur Vernunft zu bringen, fruchteten nichts, so dass Zaineb F. die Einrichtung nach rund zwei Monaten wieder verlassen musste. Dann begann der Terror für Anna K. aber erst: Ständige Telefonanrufe, die sie schließlich dazu brachten, vom Amtsgericht ein Kontaktverbot gegen Zaineb F. verhängen zu lassen.

Es folgte die Sache mit dem Bus: In mindestens zehn Fällen, so die Staatsanwaltschaft, passte Zaineb F. Anna K. auf dem Heimweg ab, meistens, ohne etwas zu sagen, nie kam es zu irgendeiner Art von Gewaltanwendung. Die Nachstellungen waren für das Opfer aber dennoch so belastend, dass sie nicht mehr alleine auf die Straße ging und sich in psychotherapeutische Behandlung begab. Sie fährt nie auf direktem Weg nach Hause, sondern wechselt mehrmals die S-Bahn. Einen Selbstverteidigungskurs hat sie auch begonnen.

Die ihr zur Last gelegten Vorwürfe teilt Zaineb F. vor Gericht in drei Kategorien: die, die sie zugibt, die, an die sie sich nicht mehr erinnern kann, "weil ich besoffen war", und die, bei denen sie nach ihren Worten zufällig auf Anna K. traf. Zur Begründung, zur Entschuldigung führt sie die Einbildung jedes Stalkers an: "Sie hätte mir doch nur einmal sagen müssen, dass sie nichts von mir will", was Richter Stephan Kirchinger zu der Anmerkung bringt, mehr Zurückweisung könne man sich ja kaum vorstellen, wenn die Frau sofort die Polizei ruft.

Seit ihrer Festnahme im September ist Zaineb F. in der Psychiatrie untergebracht - und ihre Liebe zu Anna K., sagt sie, habe damit schlagartig geendet. Antwort Kirchinger: "Spontanheilung durch Festnahme - wenn's immer so einfach wäre." Für die Beurteilung von Zaineb F.s geistigem Zustand werden psychiatrische und psychologische Aussagen von entscheidender Bedeutung sein.