Süddeutsche Zeitung

Prozess:Hebamme soll Frauen bei der Entbindung Blutverdünner verabreicht haben

  • Eine Hebamme soll Frauen bei Kaiserschnitt-Geburten Blutverdünner gegeben haben.
  • Die Patientinnen überlebten nur knapp. Jetzt steht die Frau wegen mehrfachen Mordversuches vor Gericht.

Eine Hebamme muss sich seit Dienstag wegen versuchten Mordes an Hochschwangeren vor dem Münchner Schwurgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat neun Fälle angeklagt, wovon zwei bereits eingestellt wurden, weil die Beweislage zu dünn war.

Die 34-jährige Regina K. soll in einem Krankenhaus im hessischen Bad Soden und später im Klinikum Großhadern Schwangeren heimlich Medikamente verabreicht haben, die sie in Lebensgefahr brachten. Die Münchner Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob es auch an einer früheren Arbeitsstelle der Frau an einer Klinik in Kiel zu ähnlichen Vorfällen gekommen ist.

Regina K. ist eine unscheinbare Person mit kinnlangen braunen Haaren, blassem Teint und randloser Brille. Ihre Prüfung zur Hebamme hat sie 2004 in Kiel als eine der Klassenbesten abgeschlossen. Als sie in den Gerichtssaal geführt wird, stellt sie sich an der Seite ihrer Anwälte Christoph Kühn und Daniela Rose minutenlang stoisch dem Blitzlichtgewitter der Fotografen.

Angeklagte äußerte sich nicht zu den Vorwürfen

Die Verteidiger schicken voraus, dass sich ihre Mandantin weder zu den Vorwürfen noch zu ihrer Vita äußern wird. Und so bestätigt die Frau dem Vorsitzenden Richter Michael Höhne ihre Personalien auch nur mit einem knappen "korrekt".

Regungslos hört sich Regina K. an, was ihr Staatsanwältin Nicole Selzam vorwirft. Die Hebamme habe 2011 und 2012 während ihrer Tätigkeit in der Klinik Bad Soden zwei Schwangeren kurz vor dem Kaiserschnitt den Blutverdünner Heparin verabreicht. Sie soll das Mittel unbemerkt Infusionslösungen beigemischt haben.

Während der Eingriffe verloren die Frauen infolge der Gerinnungsstörungen erhebliche Mengen an Blut. Die Ärzte versuchten, die Blutungen in mehreren Operationen zu stoppen, was glücklicherweise auch gelang. Eine Patientin bekam 44 Bluttransfusionen, ohne die sie nicht überlebt hätte.

Einer 30-jährigen Patientin hat K. der Anklage zufolge während einer routinemäßigen Untersuchung eine Cytotec-Tablette vaginal eingeführt, die zu einem Schwangerschaftsabbruch führt. Bei der Betroffenen setzten starke Wehen ein, woraufhin ein Not-Kaiserschnitt veranlasst wurde. Bei der Untersuchung der Frau fand ein Arzt noch Reste der Tablette.

Hebamme klagte gegen Klinik

Weil nur Regina K. die Möglichkeit hatte, der Schwangeren dieses Mittel zu geben, wurde die Hebamme vom Dienst freigestellt. Sie klagte dagegen vor dem Arbeitsgericht und schloss schließlich einen Vergleich mit der Klinik, die ihr ein Zeugnis mit der Note "gut" ausstellen und sich zum Schweigen verpflichten musste.

Der Chefarzt der Gynäkologie informierte dennoch die Hebammenaufsicht des Main-Taunus-Kreises, die aber nichts weiter unternahm, weil K. nach München gezogen war.

Im Juli 2012 trat sie eine Stelle bei der Geburtshilfe des Klinikums Großhadern an. Als der Chefarzt aus Bad Soden dies erfuhr, informierte er auch seine Münchner Kollegen in einem Brief über seinen Verdacht gegen Regina K. Ende September 2012 wurde sie deshalb zu einem Personalgespräch gebeten, in dem sie die Vorwürfe bestritt. Sie werde aber unter besondere Beobachtung gestellt, wurde ihr mitgeteilt.

In der Folge kam es bis Juni 2014 in Großhadern dennoch in vier Fällen zu lebensbedrohlichen Situationen im Kreißsaal. Erst danach erstattete die Klinik Anzeige. Wieder soll Regina K. Infusionen Heparin beigemischt haben. Auch hier waren Notoperationen erforderlich. Zwei Patientinnen musste die Gebärmutter entfernt werden.

Alle betroffenen Frauen erlitten schwere Traumata

Alle betroffenen Frauen und zum Teil auch deren Männer erlitten aufgrund der dramatischen Kaiserschnittgeburten schwere Traumata. Einige Betroffene sind nach wie vor in Therapie. Eine der Frauen nimmt als Nebenklägerin an dem Prozess teil. Als sie die Anklage hört, bricht sie in Tränen aus.

Über das Tatmotiv kann auch die Staatsanwaltschaft nur spekulieren. In der Anklage heißt es, Regina K. sei unzufrieden gewesen, weil ihre Arbeitszeit in Großhadern halbiert worden sei. Zuvor war K. wegen Rücken- und Hüftproblemen mehrere Monate krank geschrieben.

"Zur Aufwertung ihres Selbstwertgefühls und zur insgeheimen Demonstration einer Überlegenheit", so Staatsanwältin Selzam, habe sich die Angeklagte schon 2011 in Bad Soden zu den Manipulationen bei Entbindungen entschlossen. In Großhadern sei sie dann in dieses Verhaltensmuster zurückgefallen.

Der Prozess wird am 5. Februar fortgesetzt. Bereits an diesem Mittwoch beginnt ein anderes Verfahren: Regina K. klagt vor dem Münchner Arbeitsgericht gegen ihre Kündigung in Großhadern.

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SZ vom 27.01.2016/dit
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