Süddeutsche Zeitung

Prozess gegen Breno:Glaubhafte Erinnerungslücken

Eine Aussage, die sich positiv für Breno auswirken könnte: Ein Psychiater entlastet den wegen Brandstiftung angeklagten Bayern-Spieler. Die Erinnerungslücke des Brasilianers sei glaubwürdig.

Christian Rost

Möglicherweise sind diese drei Worte entscheidend für den Ausgang des Prozesses gegen Profifußballer Breno Borges: "Wir glaubten ihm", sagt Professor Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, am Montag als Zeuge vor dem Landgericht München I.

Holsboer ist nach wie vor überzeugt davon, dass Borges die Wahrheit spricht, wenn er beteuert, er könne sich nicht mehr daran erinnern, was in jenen Stunden passiert war, als seine Villa in Grünwald in Flammen aufging. Der 22-jährige Fußballer, der noch bis Ende dieses Monats beim FC Bayern unter Vertrag steht, muss sich wegen schwerer Brandstiftung vor der 12. Strafkammer verantworten. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass er das Haus absichtlich angezündet hat.

Borges hielt sich vor Ausbruch des Feuers in der Nacht zum 20. September 2011 allein in dem Anwesen auf. Seine Frau war mit den Kindern vor ihm geflüchtet. Borges war betrunken und frustriert über sein anhaltendes Verletzungspech, das ihn zu monatelangen Pausen vom Spielbetrieb zwang. Über diesen Frust und sein Heimweh sprach er mit den Ärzten am Max-Planck-Institut. Vier Tage lang war er nach dem Brand in der Psychiatrie stationär untergebracht.

"Er war ängstlich, hilflos, nach innen gekehrt und von der Situation überwältigt", erinnert sich Holsboer an den ersten Eindruck von Borges: "Er war ein Häufchen Elend." Man habe ihm ein Antidepressivum und ein Schlafmittel gegeben, daraufhin habe sich sein Zustand stabilisiert.

In den Gesprächen mit dem Psychiater schüttete Borges sein Herz aus: Wegen seiner Knieprobleme, die eine erneute Operation erforderlich machten, habe er gedacht, es sei "alles vorbei, seine Karriere zu Ende", erinnert sich Holsboer. Der Patient habe immer wieder davon gesprochen, dass er doch nur nach Deutschland gekommen sei, "um Ball zu spielen". Es sei sein Lebenstraum gewesen, für die Bayern zu spielen. Tatsächlich war der Brasilianer für den FCB seit seiner Verpflichtung 2008 bei lediglich 30 Spielen im Einsatz.

Zum Nichtstun verdammt, hielt sich Borges überwiegend zu Hause in der vom Verein gemieteten Villa auf und trauerte seiner Zeit als Jugendtalent beim FC São Paulo nach. Dem Psychiater erzählte er, dass er seine Freunde und seine Heimat Brasilien vermisse. "Er ist ein sehr emotionaler Mensch", so Holsboer. Sollte sich der vom Gericht bestellte psychiatrische Sachverständige Hennig Saß der Einschätzung seines Kollegen anschließen, dass Borges Erinnerungslücke glaubwürdig ist, würde sich das positiv für den Angeklagten auswirken: Seine Schuldfähigkeit wäre eingeschränkt.

Mehr als eine Bewährungsstrafe dürfte das Urteil über ihn dann nicht hergeben - zumal die Staatsanwaltschaft ihre Annahme, Borges habe alkoholische Getränke oder Benzin in mehreren Räumen seiner Villa vergossen, um den Brand zu legen, nicht beweisen kann. Experten konnten in der Brandruine offenbar keine Spuren eines Brandbeschleunigers mehr finden.

Renata Borges ist ohnehin von der Unschuld ihres Mannes überzeugt: In einem von der Polizei abgehörten Telefonat sagte sie zu einer Freundin: "Ich glaube nicht, dass er es war - nicht mal zufällig." Einbruchsspuren an den Türschlössern des Gebäudes wurden übrigens nicht gefunden. Die Türen seien verschlossen, aber nicht alle verriegelt gewesen, so ein Gutachter des Landeskriminalamtes.

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SZ vom 19.06.2012/wib
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