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Prozess:Eine schnelle halbe Million

Zwei falsche Polizisten müssen sich vor Gericht verantworten

Von Susi Wimmer

Jeder von den Angeklagten ist vom Alter her in den Zwanzigern, jeder von ihnen dürfte Großeltern haben. Einer von ihnen, Timur T., sagt, "ich bin nicht zu den Opfern hingegangen". Er habe sich das nicht angucken können, die alten Leute, "wenn die weinen, weil sie so unter Druck gesetzt wurden". Und als Richter Markus Koppenleitner fragt: "Da sind Sie zu sensibel?", antwortet er: "Ja, ich war ja nur dabei." Die Staatsanwaltschaft schätzt die Rolle des 23-Jährigen jedoch als gewichtig ein. Er soll in wechselnder Besetzung mit vier anderen jungen Männern Senioren in München, Berlin und Frankfurt binnen kürzester Zeit mit dem sogenannten "Falscher-Polizisten-Trick" um Bargeld, Schmuck und Goldmünzen im Wert von mehr als einer halben Million Euro gebracht haben.

Es ist der Münchner Polizei und ihrem aufwendigen Puzzlespiel aus Auswertung tausender Mobilfunkdaten und Indizien zu verdanken, dass fünf Männern vor dem Landgericht München I der Prozess wegen bandenmäßigen Betrugs gemacht wird. Aufgrund der Corona-Auflagen wurden die Verfahren aufgesplittet, und am Freitag sitzen nur Timur T. und Nils K. vor der 19. Kammer. Ihnen werden zehn Taten vorgeworfen. Sie waren im Mai 2019 in Berlin in flagranti erwischt worden. Das Amtsgericht Tiergarten erließ Haftbefehl, dieser wurde bei der Haftbefehlseröffnung außer Vollzug gesetzt. Selbst als Nils K. mehrmals gegen die Auflagen verstieß, blieb er frei. Er und sein Kumpel sollen weitergemacht haben. Die Münchner Kripo hingegen ließ nicht locker.

"Wollt ihr Geld verdienen, ihr müsst nur was abholen." Mit diesen Worten soll ein Freund in Berlin Timur T. und Nils K. angeworben haben. "Da lag auf der Straße am Baum eine Tasche, die sollten wir holen und abgeben", erzählt T. Dafür habe jeder von ihnen 250 Euro erhalten. Erst dann hab man ihnen gesagt, dass es darum gehe, alte Leute zu betrügen.

Die Masche beinhaltet, dass sich Anrufer aus türkischen Callcentern bei Senioren melden, sich als Polizisten ausgeben und behaupten, die Namen der Senioren stünden auf einer Liste, die bei Einbrechern gefunden wurde. Ihr Geld sei auch nicht auf der Bank sicher, weil ein Bankangestellter mit den Tätern zusammenarbeiten würde. Tagelang werden die Opfer unter Druck gesetzt, bis sie einwilligen, ihre Ersparnisse "zur Sicherheit" der vermeintlichen Polizei zu übergeben. Dann weisen sie via Telefon ihre Kontaktmänner in Deutschland an, die die Logistik stellen und die Abholer dirigieren.

Mitte Februar 2019 wurde eine 80-Jährige aus Bogenhausen vier Wochen lang bearbeitet, bis sie den Männern Goldmünzen und Geld im Wert von 86 000 Euro übergab. Bei einer 86-Jährigen aus Obersendling waren es Geld und Schmuck im Wert von 80 000 Euro, bei einer 79-Jährigen Goldmünzen im Wert von 30 000 Euro. Außerdem soll Nils K. im März 2019 bei einer Münchnerin Goldbarren im Wert von 250 000 Euro abgeholt haben. Später brachten die Täter die Frau sogar dazu, ihr Haus zu verkaufen und ihnen 2,5 Millionen in Diamanten auszuhändigen.

Timur T. und Nils K. sollen nach Ansicht von Staatsanwältin Melanie Martinez Esturo als Abholer und auch als Logistiker gearbeitet haben. "Er ist nicht der große Redner", sagt Rechtsanwalt Roland Authenried über seinen Mandanten. Und tatsächlich stammelt sich T. durch seine Aussage, kann sich kaum erinnern, auch nicht an seinen Kontaktmann in der Türkei. Er gesteht einen Teil der Taten, ebenso Nils K. Die Kammer hat für den Prozess 22 Tage angesetzt.

© SZ vom 09.01.2021
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