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Prozess:"Eine absolute Banalität"

27-Jähriger schießt Opfer wegen eines Handyvideos ins Bein

Es war nur eine kurze Filmsequenz, aufgenommen mit dem Handy. "Wir waren ein bisschen angetrunken", erinnert sich Andriy L. (Name geändert). Der 22-jährige Kellner aus der Ludwigsvorstadt war Mitte November vergangenen Jahres abends mit Freunden in der Schwanthalerstraße unterwegs. Er filmte seine Freunde, aber auch zwei Mädchen, die gerade aus einem Haus kamen. Rein "zufällig", sagt L. Doch Ramiz H. beobachtete ihn dabei. Eine der Frauen ist seine Schwester, die andere seine Ex-Freundin. "Was filmst du, was filmst du", soll H. den Kellner gefragt haben. "Was denkst du von mir", entgegnete der und entschuldigte sich sofort. Die jungen Männer gaben sich die Hand und verabschiedeten sich mit den Worten: "Tschüs, Tschüs". Zwei Tage später schoss Ramiz H. Andriy L. mit einem Revolver ins Bein. "Ein Bruder muss auf seine Schwester aufpassen", habe er sich gedacht, erklärt Ramiz H., 27, am Montag vor einem Schwurgericht am Landgericht München I.

Einen Tag nach der Tat, am 15. November 2018, hatte sich Ramiz H. in der Wohnung seiner Eltern widerstandslos von der Polizei festnehmen lassen. Zum Auftakt des Prozesses verliest er eine Erklärung. Darin ist die Rede von "großer Scham" und dem Leid, das er seiner Familie zugefügt habe. Ja, es sei zu einer Auseinandersetzung mit Andriy L. gekommen, so H. Der Auslöser für den Streit, das Video, auf dem seine Schwester und seine Ex-Freundin zu sehen seien, bezeichnet er als eine "absolute Banalität". Einen Tag danach hatte Ramiz H. Andriy L. aufgefordert, sich mit ihm zu einem "klärenden Gespräch", wie es in der Anklage der Staatsanwaltschaft heißt, auf einem Sportplatz in der Nähe eines Jugendzentrums in der Westendstraße zu treffen. Ramiz H. war offenbar sehr wütend. Dass "Familie tabu" sei, soll er zu L. gesagt und ihm seinen Revolver gezeigt haben. L. entschuldigte sich dem Vernehmen nach erneut und glaubte, dass die Angelegenheit nun damit endgültig erledigt sei. Nach der Aussprache soll Ramiz H. das Gerücht verbreitet haben, er habe L. bei dem Treffen in der Westendstraße eine Waffe an den Kopf gehalten. Der 22-Jährige habe sich deshalb vor lauter Angst eingekotet und ihn angefleht: "Bitte, bitte nimm die Waffe weg." Das wiederum wollte Andriy L. nicht auf sich sitzen lassen. Er forderte Ramiz H. auf, sich mit ihm zu treffen und die Sache zu klären.

Am frühen Abend des 15. November 2018 standen sich die jungen Männer wieder auf dem Sportplatz im Westend gegenüber. Beide hatten Freunde mitgebracht, die sich im Hintergrund hielten. Ramiz H. und Andriy L. schrien sich an, beleidigten sich: "Bastard, Hurensohn." Dann zog Ramiz H. plötzlich seinen Revolver Kaliber 5,6 Millimeter und schoss dem Kellner einmal in die Leistengegend. Danach feuerte er noch zweimal um sich, ohne jemanden zu treffen, und ergriff die Flucht. Andriy L. wurde von seinen Freunden in ein Krankenhaus gebracht. Er selbst merkte zunächst gar nicht, dass er verletzt war.

In der Erklärung, die Ramiz H. am Montag verliest, beteuert er unter anderem, zu "keinem Zeitpunkt die Absicht gehabt zu haben, Andriy L. zu töten". Den Revolver habe er gezogen, weil er "wahrscheinlich" Angst gehabt habe, verprügelt zu werden, so wie schon einmal von einem anderen Mann. Andriy L. und seine Freunde seien bei dem zweiten Treffen "gleichzeitig" auf ihn zu gelaufen. Darum habe er dem 22-Jährigen ins Bein geschossen. Er habe aber nie auf die obere Körperhälfte oder auf den Kopf des Kellners gezielt. Nach dem Schuss habe er "Panik verspürt wie noch nie" und sei geflüchtet.

Ramiz H. hat zehn Vorstrafen. Allein fünf wegen gefährlicher oder vorsätzlicher Körperverletzung. Die anderen wegen kleinerer Drogendelikte. Aus der Untersuchungshaft schrieb er seiner Mutter mehrere Briefe. "Es ist scheiße, die ganze Zeit eingesperrt zu sein", teilt er ihr in einem mit und: "Ich hoffe, dass ich bald rauskomme." Bei einer Verurteilung wegen versuchten Totschlags droht Ramiz H. eine Haft von mindestens fünf Jahren. Der Prozess wird fortgesetzt.