Süddeutsche Zeitung

Prozess:Die Erzählung von der schwierigen Kindheit

Lesezeit: 3 min

Von Susi Wimmer

Wenn es eine Hölle auf Erden gibt, Robert B. muss sie durchlebt haben. Im Alter von zwei Jahren ins Heim gesteckt, von der Mutter verstoßen, vom Vater vergewaltigt, von der großen Schwester sexuell missbraucht, gedemütigt und geschlagen. So zumindest erzählt er es. Im Februar 2016 dann habe sich seine ganze Wut über seine Schwester explosionsartig entladen: Er habe auf die 38 Jahre alte Elvira S. eingeschlagen, sie in den Schwitzkasten genommen und plötzlich sei die Kordel eines Designer-Schuhsacks um ihren Hals gelegen und er habe zugezogen.

"Sie können uns hier viel erzählen", murrt der Vorsitzende Richter Michael Höhne dann und wann. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls geht davon aus, dass der in armen Verhältnissen lebende Bruder das Luxusleben seiner Schwester nicht ertragen konnte.

Die Strafkammer unter dem Vorsitzenden Höhne setzt sich aus zwei Schöffen und zwei Richtern zusammen - und einer hat immer ein Taschentuch dabei. Davon benötigt Robert B. einige, während er von seinem Leben erzählt. Wobei das Gericht dem Ungarn jedes Wort mittels Dolmetscherin aus der Nase ziehen muss. Flüssig kommt einzig und allein die Erklärung, die seine Anwältin Birgit Schwerdt in seinem Namen verliest.

Der Vater soll alle drei Kinder sexuell misshandelt haben

Darin ist von seiner Kindheit in einer ungarischen Kleinstadt die Rede, von seinem Vater, dem Alkoholiker und Straftäter, und von einer überforderten Mutter, die die drei Kinder ins Heim steckte und abhakte. Er sei da zweieinhalb Jahre alt gewesen, "ich klammerte mich an Elvira", lässt er kundtun. Er habe immer die Launen und Wutanfälle der ein Jahr älteren Schwester ertragen, "für mich war sie ein Halt, den ich bei Eltern nie fand". Der Vater soll alle drei Geschwister bei einem Besuch zu Hause sexuell misshandelt und vergewaltigt haben. Und auch Elvira habe von ihm sexuelle Handlungen, später sogar Geschlechtsverkehr verlangt. "Ich konnte mich nicht wehren", lässt Robert B. verlauten, der sein schwarzes Haar kurz rasiert trägt und während der Verhandlung ständig die dünnen Lippen aufeinander kneift und die Stirn in Falten legt.

Im Alter von elf Jahren habe er versucht, sich mit einem Strick an einem Baum zu erhängen, doch das Seil sei gerissen. Ein Jahr später dann noch ein Suizidversuch, "doch der Ast brach ab", erzählt er. Mit 13 Jahren riss er aus dem Heim aus, auch, um dem psychischen Druck seiner Schwester zu entkommen. Liebe habe er erstmals erfahren, als er mit 18 Jahren seine spätere Ehefrau kennengelernt habe. Das Paar bekam drei Kinder, die Frau arbeitete als Altenpflegerin - Robert B. allerdings verdiente nur gelegentlich mit Schwarzarbeit etwas für die Familie dazu. Hauptsächlich lebte die Familie im südungarischen Gara von der finanziellen Unterstützung durch seine Schwester

Elvira S. hatte eine Beziehung zu dem Puchheimer Patent-Millionär Horst S. Wie sie ihn kennengelernt hat, ist nicht bekannt - angeblich soll sie früher auch als Prostituierte gearbeitet haben. Horst S. jedenfalls, der unter anderem die Pfandschlösser an Einkaufswägen erfunden hatte, ermöglichte der Frau ein angenehmes Leben in Seeshaupt am Starnberger See. Nach seinem Tod im Februar 2014 soll Elvira S. einen luxuriösen Lebensstil gepflegt und monatlich zum Teil 50 000 Euro ausgegeben haben. Laut Staatsanwaltschaft soll sie bis kurz vor ihrem Tod an Scientology rund 900 000 Euro gezahlt haben.

"Sie beherrschte mich, und ich ließ es zu", sagt Robert B. Seine Schwester sei dominant, unberechenbar und aggressiv gewesen, sagt er. Wenn sie rief, dann sei er aus Ungarn nach München gekommen. So auch 31. Januar 2016. Da wollte sie aus ihrer Luxuswohnung an der Thalkirchner Strasse ausziehen. Robert B. sollte beim Umzug helfen. Er besorgte Kartons, packte "und sie hat sich ständig beschwert, weil ich angeblich zu spät war, nicht richtig packte, wegen allem". Er habe eine Tasche aufhalten müssen, während sie Kleider hineinpackte und ihn dabei auf den Kopf schlug.

Da habe er gesagt "jetzt reichts" und wollte gehen. Sie habe ihm die Türe versperrt, ihn geschlagen und angespuckt "und plötzlich hat sich alles entladen". Er habe auf sie eingeschlagen, sie in den Schwitzkasten genommen und die Kordel um ihren Hals gelegt.

Warum er sich nie vorher gegen seine Schwester gewehrt habe, will Richter Höhne wissen. Er habe Angst vor ihr gehabt, sagt Robert B. "Sie hat dann gedroht, nach Ungarn zu kommen. Und da weiß man ja nicht, wie das ausgeht." Worte, die aus dem Mund eines erwachsenen Mannes komisch klingen. "Ich komm immer wieder nur auf einen Punkt", entgegnet Höhne. "Ihre Schwester hat sie mit 900 Euro im Monat unterstützt. Es ging nur ums Geld."

Er wollte sich der Verantwortung stellen und nicht mehr lügen, wie kurz nach seiner Festnahme, erklärte Robert B. Doch die Darstellung der Tat klingt in der schriftlichen Einlassung anders als in der mündlichen. "Es ist doch nicht so, dass Kordeln so mir nichts dir nichts plötzlich um den Hals liegen", hält ihm Höhne vor.

Staatsanwalt Laurent Lafleuer geht in seiner Anklageschrift, die er zu Beginn der Verhandlung vorträgt, sogar noch weiter: Er wirft dem Ungarn vor, dass er seiner Schwester von hinten die Kordel um den Hals gelegt und zugezogen habe, bis diese bewegungslos am Boden lag. Nach etwa einer Viertelstunde soll sie sich noch einmal bewegt haben, worauf Robert B. sie ins Gesicht geschlagen und ihr erneut einen Strick um den Hals gelegt haben. Die Verhandlung wird an diesem Mittwoch fortgesetzt.

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Quelle:
SZ vom 29.03.2017
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