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Prozess:"Dann hat er sich an mir zu schaffen gemacht"

  • Der ehemalige Rektor der Musikhochschule an der Arcisstraße, Siegfried Mauser, steht wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung in zwei Fällen vor Gericht.
  • Den Frauen zufolge habe Mauser ihnen Aussicht auf Beschäftigungen in der Hochschule in Aussicht gestellt.

Es ist kurz vor 9 Uhr und Siegfried Mauser geht nervös neben der Anklagebank von Saal B 173 auf und ab. Gleich wird sich die Tür zum Richterzimmer öffnen und die zehnte Kammer des Landgerichts München I wird gegen den ehemaligen Präsidenten der Musikhochschule verhandeln. Mauser wird die Vergewaltigung einer Frau sowie die sexuelle Nötigung einer anderen Frau vorgeworfen.

Er wurde bereits im April 2017 wegen sexueller Nötigung in einem anderen Fall zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Musikwissenschaftler sieht sich als "unschuldig verurteilt". Die neuen Anschuldigungen seien "eine späte Bestrafungsaktion aus Frust", weil er den Frauen keinen Job an der Hochschule verschafft habe.

Entsprechend den Einlassungen des Angeklagten haben die Rechtsanwälte Alexander Betz und Philip Müller ihre Teamverteidigung aufgebaut. "Jeder hat ein faires Verfahren verdient", doziert der eine, während der andere den Mandanten "mit zahlreichen Affären und Verehrerinnen" als "Rockstar der Klassik" bezeichnet und "eine Inszenierung Mausers als Harvey Weinstein der Musikszene" befürchtet.

Tatsächlich stand in den Jahren, als Mauser der Musikhochschule an der Arcisstraße vorstand, eine Couch in seinem Büro. Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 63-Jährigen vor, dass er im Herbst 2004 auf dieser Couch eine Frau vergewaltigt haben soll, die sich für eine Stelle als Assistentin seiner Referentin vorstellen wollte. Man hatte sich zuvor auf Schloss Elmau anlässlich eines Kindermusik-Workshops kennengelernt und unterhalten.

Über einen Bekannten, der von einer möglichen Stelle sprach, sei die in Bamberg lebende Frau zu einem Vorstellungstermin an der Hochschule erschienen, so Mauser. "Es gab eine erotische Anziehung meinerseits, und vermutlich auch bei ihr", sagt er. Sie hätten sich berührt, geküsst und schließlich habe die Frau sich schnell umgedreht "und mich zu ihrem Gesäß hingeführt, das kann ich nicht anders sagen". Der Geschlechtsverkehr sei "ein Zusammenspiel" gewesen, mit "der gewissen Energetik einer Erstinitiation", ohne Gewalt.

Die Zeugin erscheint mit Sonnenbrille, Schal um den Kopf und einer psychosozialen Betreuerin vom Frauennotruf im Gerichtssaal. Bei den Ausführungen zur Tat beginnt sie immer wieder zu weinen. Mauser habe sie umklammert, bäuchlings auf die Couch gedrückt, "dann hat er sich an mir zu schaffen gemacht". Sie habe geschrien vor Schmerz und wollte weglaufen. Als er fertig gewesen sei, habe er noch gesagt: "So, jetzt ist das Sofa eingeweiht."

Zehn Tage später traf man sich wieder anlässlich eines Konzerts in Tutzing. Anschließend, so berichten beide, sei es in seinem Hotel zum Geschlechtsverkehr gekommen. Mauser spricht von einer "ergebnisoffenen Affäre", die Frau sagt "ich weiß nicht, warum ich mitgegangen bin. Vielleich wollte ich das Schreckliche heilen." Und noch im Nachsatz: "Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, eine Arbeit zu bekommen." Sie habe nach ihrer Scheidung eine Stelle gesucht und wollte weg aus Bamberg. Die Stelle bekam sie nicht.

Drei Jahre später trafen die beiden erneut anlässlich einer Tagung in Bamberg aufeinander. "Ich wollte mich zum Mittagessen mit ihm verabreden", erzählt die Zeugin, er habe das Treffen auf den Abend verlegt. In seinem Hotelzimmer sei es erneut zu einem sexuellen Kontakt gekommen. "So wie beim ersten Mal, ich fand es furchtbar", erzählt sie.

Nach 2007 brach der Kontakt ab. Erst als im April 2016 in einem Radiobeitrag über angebliche sexuelle Übergriffe und den ersten Gerichtsprozess gegen Siegfried Mauser berichtet wurde, verbunden mit dem Aufruf, weitere Opfer mögen sich doch melden, "da war ich wie vom Donner gerührt und mir war klar: Ich bin eine Verletzte", erzählt die Frau.

Zudem wirft die Staatsanwaltschaft dem Musikwissenschaftler vor, eine andere Frau, die sich an der Hochschule beworben hatte, sexuell genötigt zu haben. Im Herbst 2007 soll er sie in seinem Büro auf die Couch geworfen und belästigt haben. Aufgrund der heftigen Gegenwehr habe er von der Frau abgelassen, so sieht es die Staatsanwaltschaft. Zwei Jahre später soll Mauser bei einem erneuten Berufsgespräch wieder übergriffig geworden sein und die Frau angefasst haben, was für das mutmaßliche Opfer nach einer frischen Brustoperation sehr schmerzhaft gewesen sei. Im Juni 2013 schließlich soll er dieselbe Frau erneut gegen ihren Willen gepackt und geküsst haben, so die Anklage.

Siegfried Mauser dagegen stellt sich als Opfer der Frauen dar. "Sie haben Protektion eingefordert, ihre femininen Reize eingesetzt, ich reagiere sehr schnell darauf." Seine Existenz sei ruiniert, eine Verurteilung käme einem Anschlag auf sein Leben gleich. Die Kammer hat neun Tage für die Verhandlung angesetzt, weiter geht es am Donnerstag.

© SZ vom 28.11.2017/libo
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